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Baigneuse, buste
  • Félix Vallotton
  • Baigneuse, buste, 1910

  • Öl auf Leinwand
  • 61 x 51 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "F. VALLOTTON .10"
  • Kunstmuseum Luzern, Leihgabe aus Privatbesitz, Brüssel
  • Inv.-Nr. L 29x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,910
  • Jahr bis: 1,910
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Das Bild ist in zwei geometrische Farbflächen geteilt. Die kleinen Wellen, die sich am Körper brechen, deuten ein Gewässer an. Wir können annehmen, dass es Abend ist, denn das Thema des Sonnenuntergangs hat den Maler in vielen Gemälden beschäftigt. Die Frau hat die Haare zu einem Knoten gebunden und mit einer Haarspange festgemacht. Mehr konkrete Anhaltspunkte, in welche Richtung das Bild gedeutet werden kann, sind nicht vorhanden. Trotz offensichtlicher Tageszeit ist das Bild zeitlos, ohne Bewegung und Handlung. Trotz Landschaftsandeutung ist es ohne Ort, hier und nirgends, imaginär. Die Darstellung hat nichts Historisches oder Mythologisches. Letztlich verweist sie nur auf den Maler, der sein Modell frisch frisiert ins Wasser gestellt hat.

Die Präsenz des Malers ist im Bild selbst gegeben. Er hat die Frau aus einer Position gemalt, die wir nun als Betrachter oder Betrachterin einnehmen. Und dort, in unmittelbarer Nähe und gegenüber der Dargestellten, ist Wasser. Wir stehen also alle, das Modell, der Maler und wir selbst, für die das Bild gemalt ist, im gleichen Element, auf gleichem Grund. Vielleicht wird es nun etwas ungemütlich, denn wir werden hier in etwas hineingezogen.

Nachdem Vallotton das Thema der Badenden bereits 1893 in Holzschnitten aufgegriffen hat, beginnt ihn um 1905 das Thema des weiblichen Aktes vor Abendhimmel intensiv zu beschäftigen. Dabei ist die Sonne nie direkt zu sehen. Die Frauen sitzen auf einem Fels, stehen im untiefen Wasser oder liegen am Strand. Die Haare sind zu modischen Frisuren gebunden, was sie unverkennbar zu Zeitgenossinnen macht. Meist haben sie die Augen fast geschlossen, in einem Zustand zwischen Entspannung, Selbstvergessenheit und Warten. Und immer sind sie ganz nahe bei der Betrachterin und beim Betrachter. In unserem Bild zeigt Vallotton eine Frau, die uns den Oberkörper zuwendet und den Kopf zur Seite kehrt. Dabei streckt sie uns den Hals entgegen. Es ist dies eine besonders markante Geste: Mit dem entblössten Hals macht sich die Frau angreifbar. Vallotton lässt sie die Stellung eines Opfers einnehmen, wobei unentschieden bleibt, ob die Haltung Bedrängnis ausdrücken soll oder ob wir vielmehr in die Rolle der Täter gedrängt werden sollen. Wir sehen uns in ein schwieriges, ambivalentes Verhältnis versetzt. Der Sonnenuntergang ist ein Zwischenbereich, der noch alles offen lässt. Gefahr bringt erst die Nacht.

Christoph Lichtin