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Eisbär (19. Bildtuch)
  • Rolf Winnewisser
  • Eisbär (19. Bildtuch), 1988

  • Kreide und Acryl auf Baumwolle
  • 186 x 260 x 2.5 cm
  • signiert und datiert unten rechts: mit weisser Farbe: "Rolf Winnewisser/89"
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung des Künstlers
  • © Rolf Winnewisser
  • Jahr von: 1,988
  • Jahr bis: 1,988
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

In den Jahren 1987 und 1988 entstehen in London im Atelier der Stiftung Landis & Gyr 23 grossformatige Bildtücher, die 1990 im Kunstmuseum Luzern ausgestellt werden, und von denen sich vier, davon zwei als Leihgabe des Künstlers und eines als Depositum des Kantons Luzern, in Besitz des Kunstmuseums Luzern befinden (KML L 90.21x, L 2005.39x, 90.20x, F 89.11x). Die Ausstellung mit dem Titel „See a blob split a blank spot” findet anlässlich des Nordmann-Kunstpreises statt, der dem Künstler ein Jahr zuvor verliehen wird.

Die Handhabung oder Präsentationsform eines Bildtuches kann völlig unterschiedlich ausfallen: Das Material Baumwolle lässt sich falten, ausrollen und strecken, lose an die Wand oder in den Raum hängen oder straff auf einen Rahmen aufspannen. Die Malweise des Künstlers mit sehr dünnem Farbauftrag, ein Malen in transparenten Schichten, kommt dem Charakter eines flexiblen Bildträgers entgegen. Um den Bildtüchern Körper zu geben, spannt Winnewisser sie für die Ausstellung auf Keilrahmen auf. Direkt auf dem Boden stehend, reihen sie sich im grossen Oberlichtsaal des ehemaligen Armin Meili-Baus an drei Wänden entlang zu einer malerischen Bildstrecke.

Seine Arbeit an der Serie dokumentiert Winnewisser mit Randnotizen, die vor, während und nach dem Malen der 23 Bildtücher entstehen und Eingang in den Ausstellungs-Katalog finden. Die Texte sind Zeugnis einer intensiven Beschäftigung mit dem Bildträger und der Bildfindung. In Worten, die teilweise greifbar und verständlich sind, teilweise in vieldeutige, enigmatische Textbilder entgleiten, berichtet Winnewisser über den Umgang mit dem Material und über die Bedingungen, Rückzüge und Wiederaufnahme von Bildspuren.

Das 19. Bildtuch mit dem Titel „Eisbär“ tanzt durch seine explizit figürliche Darstellung und einer eher kulissenhaften Malerei aus der Reihe. Es zeigt einen erschossenen Eisbären, dessen stilisierter Kopf und Körper inmitten flächig gemalten schwarzen, grauen und hellblauen Farbfeldern eingebettet liegt. Zwischen seinen Augen befindet sich die frische Wunde, das Blut rinnt dem Tier über die Schnauze und breitet sich in der unteren Bildmitte aus. Mit grauen Kreidestrichen, die sich unter und über den Farb-Flächen abzeichnen, sind nicht nur die Konturen des Eisbären festgehalten, sondern werden auch einfache, abstrakte Formen beschrieben. Die Acrylfarbe ist so dünn aufgetragen, dass sie an zahlreichen Stellen in Rinnsalen nach unten auslauft und in ihrer lasierenden Qualität den schichtweisen Aufbau des Bildes erahnen lässt.

So einfach das Bildmotiv in einem ersten Moment zu beschreiben ist, so sehr wirft es in einer vertieften Betrachtung Rätsel auf: Wieso hat Winnewisser, der ansonsten das eindeutige Bild eher scheut, sich für dieses Motiv entschieden? Erzählt das Bild den Schlusspunkt eines blutrünstigen Kampfes zwischen Tier und Mensch? Will Winnewisser eine emotionale Reaktion auslösen?

Die dazugehörigen Katalog-Notizen verraten, dass das Motiv weniger einer narrativen oder moralischen Intention folgt, sondern vielmehr Resultat einer inneren Logik ist: Die Idee taucht unerwartet in der Entstehung der ersten hellblauen Schicht auf und Winnewisser liebäugelt, das „so reale Bildnis“ mit einer abweichenden Schicht, eine aus „einer anderen Bildwelt stammenden Bildhaftigkeit“ zu übermalen. Er mutmasst, dass die Veränderung das Bild zwar interessanter machen würde, jedoch um das gleiche Mass weniger ehrlich – und entscheidet sich für das „pure Bild“.

Denise Frey