deutschenglisch
Ohne Titel
  • Rolf Winnewisser
  • Ohne Titel, 1978

  • Aquarell auf Papier
  • 73 x 102 cm
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung der LANDIS & GYR STIFTUNG
  • Jahr von: 1'978
  • Jahr bis:
Werkbeschrieb

Rolf Winnewisser beschäftigt sich intensiv mit verschiedensten sprachphilosophischen, semiologischen und erkenntnistheoretischen Schriften. Besonders die Auseinandersetzung mit der Dekonstruktion des französischen Philosophen Jacques Derridas prägt Winnewisser nachhaltig. Im Wesentlichen geht es dabei um das Verhältnis des Realen zu der Verarbeitung des Realen. Derridas behauptet, dass der Verstand permanent gewillt sei, in die (letztlich unzusammenhängende, chaotische) Wirklichkeit Kohärenz und Sinn zu interpretieren. Die verstandesmässigen Systeme (bei Derrida primär Sprache und Schrift, bei Winnewisser primär das Bild) mit denen der Mensch versucht, die Wirklichkeit darzustellen oder zu beschreiben, vermögen sie jedoch lediglich zu verschieben bzw. aufzuschieben. Für diese Einsicht hat Derrida den Neologismus Différance (absichtlich mit ‹a› geschrieben) eingeführt, der mit der doppelten Bedeutung des Französischen Wortes différer (synchron verschieben und diachron aufschieben) sowie mit dem Unterschied zwischen Sprache und Schrift spielt.
Das unbetitelte Aquarell ist von kalten Blautönen dominiert. Weisse Flächen und seltsam grün umschlungene, orangefarbene Stäbe vervollständigen die Farbpalette. Links im Bild befindet sich ein weisses Quadrat, das einen bläulichen Quader überschneidet, der wiederum hinter einer nach dem rechten Bildrand verlaufenden Reihe von sich immer mehr dem Blau des Hintergrundes annähernden Rechtecken steht. Aus dem vordersten Rechteck ist die ikonische Form eines menschlichen Oberkörpers sowie eines Hutes ausgeschnitten. Dies ist beim zweiten Rechteck nur noch zu ahnen und beim dritten, vierten und dem selbst nur andeutungsweise erkennbaren fünften Quadrat nicht mehr ersichtlich. Innerhalb des bläulichen Quaders erscheinen drei der selben menschlichen Figuren, hier jedoch durch den Unterkörper zu einem gesamten menschlichen Ikon ergänzt. Sie erinnern an Toilettenmännchen. Daneben bzw. durch die Männchen hindurch verlaufen vertikal fünf orangene Stäbe, die den Anschein von Äskulapstäben erwecken. Charakteristisch ist das Spiel mit Repetition und Variation eines Elements, wobei die Repetition den Anschein von Kohärenz, die Variation denjenigen einer zeitlichen Raffung vermittelt. Dazu gehören u.a. die verschiedenen Blautöne (speziell diese der Rechteckreihe), die Brechung dieser Blautöne mit zwei weissen Flächen (auf der linken Seite zweidimensional, auf der rechten dreidimensional) sowie mit fünf orange-grünen Gegenständen, der repetitive Einsatz geometrischer Figuren sowie die negative und positive Setzung der Ikone (einmal ganz und einmal nur zur Hälfte ersichtlich bzw. einmal ganz und einmal nur zur Hälfte abgebildet). Die Gesamtheit der farblichen, geometrischen und gegenständlichen Komposition stimuliert den Verstand, ein kohärentes Narrativ, ein sinnvolles Ganzes zu interpretieren. Allerdings bleibt dies in jedem Moment, in dem es sich aufzuschliessen scheint, genauso verschlossen (z.B. das Verhältnis der Äskulapstäbe zum restlichen Bild). Mit anderen Worten: Es sieht zwar beständig so aus, als mache das Bild Sinn, jedoch entzieht es sich genauso beständig jeglichen Sinns. Es wird damit versucht, jene sinnaufschiebende Schwebe darzustellen, auf die Jacques Derridas Begriff der Différance so glänzend zutrifft. Jan Miotti