deutschenglisch
toile + peinture + idée + intention + écriture + style + lecture + prétention + ce qu’il y a autour + etc
  • Ben Vautier
  • toile + peinture + idée + intention + écriture + style + lecture + prétention + ce qu’il y a autour + etc, 1972

  • Öl auf Leinwand
  • 251 x 367 x 7.5 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 522x
  • © 2008, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'972
  • Jahr bis: 1'972
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Nachdem Ben Vautier 1972 das Werk direkt im Kunstmuseum Luzern für die Ausstellung geschaffen hat, ist „toile + peinture…“ als Schenkung an das Museum übergegangen. Auf einer gross dimensionierten Leinwand reiht Vautier Wörter in weisser Schrift auf schwarzem Hintergrund aneinander. Alle Begriffe stehen thematisch mit der Intention, der Produktion und der Rezeption eines Kunstwerkes in Verbindung. Leinwand (toile) und Farbe (peinture) sind die materiellen Ausgangsmittel, um ein Gemälde zu schaffen. Bevor der Künstler ein Bild auf die Leinwand bringen kann, braucht er eine Idee (idée) und eine Absicht (intention). Sobald der Künstler weiss, welche Botschaft er festhalten und übermitteln will, kann er mit der Umsetzung beginnen. Für die beschriebenen Leinwände von Vautier bedeutet das, mit dem Schriftzug (écriture) den Inhalt zu vermitteln. Der Stil (style), bezogen auf den Charakter der Schrift, bestimmt die Bildwirkung auf den Betrachter. Mehr liegt nicht in den Händen des Künstlers. Als nächstes betrachtet und interpretiert das Publikum das Werk. Dazu ist zuerst das Lesen (lecture) und dann das Verstehen des Gelesenen notwendig, was einen gewissen Anspruch (prétention) an den Betrachter stellt. Ohne die Bildsprache des Künstlers zu kennen, kann ein Bild nicht interpretiert werden. Bei Vautiers Werken wird der Inhalt auf sprachlicher Ebene übermittelt. Somit kann seine Kunst nur mit den erforderlichen Sprachkenntnissen erfasst werden. Die Richtung, in die die Interpretation geht, hängt nicht ausschliesslich vom Vorwissen des Betrachters ab. Ebenso wichtig ist der Kontext (ce qu'il y a autour), in dem das Bild – beispielsweise in einer Ausstellung – erscheint. Mit dem „etc“ am Schluss, das auch bei dem Statement auf der Tafel „je suis inquiet…“ steht, drückt Vautier aus, dass der Gedanke nicht als abgeschlossen zu betrachten ist. Festgehalten ist lediglich eine Position, die mit allen weiteren Äusserungen des Künstlers zusammenhängt.

Aus den Begriffen auf „toile + peinture…“ lässt sich zum einen der Ablauf ablesen, den das Kunstwerk von der Idee bis zur Rezeption durchläuft. Zum anderen handelt es sich dabei um die Begebenheiten, die das Kunstwerk „toile + peinture…“ definieren. Am Anfang hat der Künstler als Autor eine Idee. Um seine Idee zu übermitteln, wählt er ein bestimmtes Medium, mit dem er seinen Einfall festhalten und weitergeben kann. Danach kann der Künstler keinen weiteren Einfluss mehr nehmen, sondern setzt das Werk dem Betrachter zur Interpretation aus. Die Deutung hängt immer davon ab, was der Rezipient weiss und welche Assoziationen er machen kann. Das kann bei unterschiedlichen Betrachtern zu voneinander abweichenden Interpretationen führen. Die Technik, die Idee des Künstlers, die Umsetzung, die Rezeption und der Kontext sind Bedingungen, die für jedes beliebige Gemälde gelten. Was hier in Form einer Arbeit direkt offengelegt wird, ist bei anderen Kunstwerken eine Erkenntnis, die die Denkleistung des Betrachters fordert. Somit hat Vautier nichts anderes niedergeschrieben als eine allgemeingültige Theorie, welche Parameter für ein Gemälde grundlegend sind.

Trotz den für die Malerei typischen Materialien Leinwand und Öl- oder Acrylfarbe, verzichtet Vautier vollkommen auf abbildende Darstellungsweisen. Auf den ersten Blick weigert er sich radikal, zu den Malern gezählt zu werden. Mit Werken wie „toile + peinture…“ oder „toile“ (Bild in: Ben. Boltanski. le Gac. Fernie, Kunstmuseum Luzern, 1972, o.S.) thematisiert er immer wieder die Kunst. In „toile + peinture…“ schlüsselt er in Form von Stichwörtern ein Kunstwerk in seine Bestandteile auf. Auch der isoliert verwendete französische Begriff „toile“ bringt dem Betrachter ins Bewusstsein, dass er vor einer Leinwand steht. Diese an einem Gemälde so selbstverständliche Begebenheit wird normalerweise nicht weiter beachtet. Über das Geschriebene setzt Vautier sich sehr intensiv mit den Grundlagen und Rahmenbedingungen der Malerei auseinander. Das Verhältnis von Vautier zu seiner Kunst unterscheidet sich somit nicht von der Beziehung eines Malers zu seinem Bild. In beiden Fällen beschäftigt sich der Künstler eingehend mit der Malerei. Wenn Ben in seinen Werken die Kunst thematisiert, betont er zugleich sich selbst in der Rolle als Künstler. Wie in den Arbeiten, in denen er sich selbst in den Mittelpunkt stellt, wird er zu einem unabdingbaren Bestandteil des Werks. Vautier ist auf diese Weise in seinem Schaffen als Künstler wie auch als Kunstfigur enthalten. Einerseits verweist die Schrift authentisch auf die Person Vautier. Andererseits wird angesichts der formal wie inhaltlich stark strukturierten Fortschreibungen die Künstlichkeit des künstlerischen Anspruchs deutlich.

Sonja Gasser