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Wassilissa 27
  • Annelies Štrba
  • Wassilissa 27, 2013

  • Pigmentdruck auf Papier
  • 21.4 x 32 cm
  • Signiert, datiert und nummeriert "1/3" auf der Rückseite
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung aus Privatbesitz
  • Jahr von: 2,013
  • Jahr bis:
Description

Liegende und schlafende Mädchen sind in den Fotografien und Videos der Schweizer Künstlerin Annelies Štrba seit Mitte der 2000er-Jahre wiederkehrende Motive. In verschiedenen Varia-tionen und Settings, wie beispielsweise auf moosbedecktem Waldboden, in einer Blumenwiese oder im Fall von Wassilissa 27 auf einem alten Sofa, inszeniert Štrba ihre Protagonistinnen als leuchtende Gestalten, die einem Märchen entsprungen sein könnten. Zu den auffälligsten Merkmalen von Štrbas Bilderwelt gehören einerseits der hohe Farbkontrast und die Überbelichtung, was dazu führt, dass oft nur noch Konturen von Personen und Gegenständen zu erkennen sind, und andererseits die starke Sättigung der Farben, oft in Neontönen, als ob jemand die Fotografien mit einem Leuchtstift bearbeitet hätte.

John Hutchinson beschreibt dies in My Life's Dreams, Stuttgart, 2012, treffend: Das «halluzinatorische, oft neongrelle Kolorit der Bilder verleiht ihnen eine scharfe und manchmal beängstigende Kontur. Im Kontrast dazu erinnern Stoffschichten und hölzerne Interieurs, ebenso wie Mohnblumen, Wälder und gebirgige Landschaften an alte europäische Märchen und die orientalische Exotik der Geschichten aus 1001 Nacht. Diese Bilder schliessen Banalität und Hässlichkeit des gewöhnlichen Daseins ebenso aus wie jeglichen Aspekt des Maskulinen, sie erschaffen ein Reich ätherischer Weiblichkeit, des machtvollen Zustands von Traum, Schlaf und Bewusstlosigkeit.»
Sehr gut passen diese Gedanken zum Werk Wassilissa 27 von 2013. Wir schauen herab auf ein Sofa, auf dem ein Mädchen schläft, in dessen anmutigem Gesicht ein Lächeln zu erkennen ist. Über die Fläche des Bildes verteilt sind leuchtende, runde Flächen zu erkennen, so als würden Luftblasen, Pollen oder Leuchtkäfer durch den Raum schweben, die uns den Eindruck von Schwerelosigkeit vermitteln – ein Gefühl, dem wir am ehesten in unseren Träumen begegnen. Möglicherweise befinden wir uns im Traum des Mädchens, das sich kurz hingelegt hat und nun gerade den Anschluss ans Bewusstsein verliert; der Raum, das Sofa und der Boden lösen sich auf und der Schwebezustand setzt ein. Sämtliche Ebenen des Bildes scheinen miteinander zu verschmelzen, und es sind nur noch Umrisse zu erkennen. Zum Beispiel der Kopf des Mädchens, der in einem grossen Kopfkissen versinkt, die ausgestreckten, nackten Beine und Füsse und ein weites Kleidchen. Ihre linke Hand liegt flach auf der Hüfte, fast so, als ob das Mädchen ihren Rock gleichzeitig halten und hochziehen würde. Der rechte Arm ist angewinkelt, so dass die gesamte Haltung wie eine Pose wirkt. Kunstbegeisterte mögen bei diesem Anblick an Edouard Manets Olympia oder die bekleidete Maja von Francisco de Goya, und die Zweideutigkeiten, die diesen Gemälden nachgesagt werden, denken. Auch Štrbas Darstellung ist nicht frei von Sinnlichkeit und Anspielungen. Im Gegensatz zu eben genannten Darstellungen hat ihr Model die Augen geschlossen und ist sich unserer Anwesenheit nicht bewusst. Thematisiert die Künstlerin damit den Voyeurismus? Hier muss Hutchinson widersprochen werden. Denn die starke Aufsicht in Kombination mit dem erkennbar jugendlichen Alter des Mädchens und dem kurzen Rock kann sehr wohl anstössige Gedanken auslösen. Dabei wird uns bewusst, dass wir nicht wirklich auf ein schlaftrunkenes Schneewittchen oder Rotkäppchen schauen. Vielmehr inszeniert Štrba explizit eine Szene, die sehr viel Gedankenspielraum zu lässt bezüglich Intimität, Privatheit und Öffentlichkeit. Erst recht, wenn wir erfahren, dass die Künstlerin oft ihre eigene Tochter als Model nimmt, bzw. Fotos verwendet, die im Privaten entstanden sind. In Zeiten, in denen sich die Grenzen dieser Begrifflichkeiten auflösen, man denke hier an all die öffentlichen Profile in den sozialen Netzwerken, kreiert Štrba ein Bild, welches wechselnd in der heilen Welt der Träume und Märchen, im geschützten und geborgenen Raum des Privaten und dann wiederum im Zwielicht des Verhältnisses von Betrachtenden und Betrachteter gesehen werden kann.

Claudio Vogt