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Tellensprung
  • Ernst Stückelberg
  • Tellensprung, 1877

  • Öl auf Leinwand
  • 55 x 67 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 34x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'877
  • Jahr bis: 1'877
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Der „Tellensprung“ bildet mit „Tells Apfelschuss“, „Gesslers Tod“ und dem „Rütlischwur“ den Bildzyklus aus dem Tellmythos, der die Wände der kleinen Tellskapelle ziert. An dieser Stelle des Urnersees soll Wilhelm Tell mit einem wagemutigen Sprung aus Gesslers Boot der Gefangenschaft entronnen sein. Stückelbergs Darstellung zeigt, wie Tell nach dem Sprung den Nauen wieder zurück in den stürmischen See stösst. Angstvoll zusammengepfercht versuchen die Habsburger des Bootes Herr zu werden, während Gessler eine wütende Drohgebärde an Tell richtet.

Als arrivierter Historienmaler gewinnt Stückelberg den 1877 ausgeschriebenen Wettbewerb für die Erneuerung der Tellskapelle. Seine Entwürfe orientieren sich inhaltlich an Schillers Drama von 1804, er wagt aber Abweichungen bezüglich der tradierten Ikonographie, weshalb die Jury und die Urner Regierung Stückelberg zu Änderungen verpflichten. Stückelberg willigt ein, gestaltet seine Szenen eingängiger und dramatischer, und zieht 1878 zur Anfertigung erster Studien nach Bürglen. Dort malt er zahlreiche Porträtstudien von Einheimischen: Ihre Verwendung für die Gesichter der Figuren soll den Mythos auf die Gegenwart der Bevölkerung beziehen und ihn aktualisieren. Nach der Ausarbeitung der Kartons in Basel lebt Stückelberg von 1880 bis 1882 in einer Holzhütte bei der neu erbauten Tellskapelle, um die Fresken auszuführen. Schon vor der Einweihung am 24. Juni 1883 erscheinen begeisterte Presserezensionen, unter anderem Gottfried Kellers „Kleines Kunstreischen“, in denen die Leistung der patriotischen Historienmalerei für die Bildung einer Nationalideologie gepriesen wird.

Die Ölskizze zum „Tellensprung“ im Kunstmuseum Luzern fixiert in einer tonigen, pastosen Malweise die Lichteffekte, die wichtigen Achsen und Figurenhaltungen der Komposition. Im Vergleich zum Entwurf hat Stückelberg die Seiten vertauscht: Nun klammert sich der entsprungene Held auf der rechten Seite an einen Baum, während links auf dem Nauen Gessler und seine Gesellen buchstäblich aus dem Bild gedrängt werden. Mit der gegenläufig zum Nauen gerichteten Körperlinie Tells, sowie den aufpeitschenden Wellen, dem Blitz und den durch die Berge geschlossenen Hintergrund ist das Bildfeld spannungsreich besetzt. Die Verteilung der Figuren an den Rändern, während die Bildmitte leer bleibt, die sich im Vordergrund abspielende Handlung mit dem überquellenden Wasser und schliesslich die ausdrucksvolle Gestik und gespannte Körperhaltung sind effektvolle Mittel, mit denen Stückelberg die Szene äusserst dramatisch komponiert.

Martina Papiro