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Einsames Ufer (Studie)
  • Hans Emmenegger
  • Einsames Ufer (Studie), 1902

  • Öl auf Leinwand
  • 49.5 x 38.2 cm
  • signiert und datiert unten links: "HANS EMMENEGGER"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 97.3x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'902
  • Jahr bis: 1'902
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Das Werk Arnold Böcklins (1827 - 1901), des Ende des 19. Jahrhunderts wohl bekanntesten Schweizer Malers, beherrscht lange Zeit Hans Emmeneggers künstlerisches Schaffen. 1898 notiert er: "Die beiden Böcklin entzücken mich so, dass der Eindruck, den die Kollerausst.[ellung] auf mich gemacht hatte, halb verschleiert wird. Neben Böcklin erscheint Koller als nüchterner Handwerker."
Während seines Aufenthaltes in Nordafrika verzeichnet Emmenegger im Tagebuch denn auch die Arbeit an einem "Böcklin", und auf seinen Reisen nach Italien zeigt er sich enttäuscht, wenn er nicht Motive findet, die ihn zu böcklinesken Kompositionen anregen. Wie viele seiner Kompositionen um 1900 lehnt sich auch das "Einsame Ufer", dessen querformatige, heute in Privatbesitz befindliche Version sogar den Untertitel "Toteninsel" trägt, an Bildfindungen des Basler Symbolisten an.

Indes lassen sich im Vergleich mit dessen Gemälden wichtige Unterschiede feststellen: Während Böcklin Baumbestand und Architektur bis in kleinste Details ausarbeitet, fasst Emmenegger jene grosszügig zu Volumina mit geschlossener Oberfläche zusammen, die in ihrer Kompaktheit an die ungefähr gleichzeitigen Kompositionen des Franzosen Henri Rousseau (1844–1910) gemahnen. Böcklin zeigt seine Landschaften wie z. B. "Italienische Villa im Frühling" (1870) unter bewölktem Himmel und im Mischlicht der realistischen Landschaftsmalerei oder lädt sie wie in der zehn Jahre später geschaffenen "Ruine am Meeresstrand" durch bedrohliches Gewitterdunkel stimmungsmässig auf.

Emmenegger hingegen verleiht ihnen trotz Wolken am Himmel ein helles, nur wenig warmes, fast nüchternes Licht. Schliesslich fehlen – im Gegensatz zu den Kompositionen Böcklins wie den drei Versionen der "Villa am Meer" (1864, 1865, 1878), die von mythologischer oder historischer Staffage bevölkert sind – in Emmeneggers Landschaften Personen völlig.

Wo Böcklins zerfallende und von den anbrandenden Wogen in ihren Grundfesten bedrohte Paläste melancholische Meditationen über die Vergänglichkeit allen menschlichen Schaffens sind, ist die überwucherte, ins Amorphe übergehende Ruine in Emmeneggers "Einsamem Ufer" Anlass für delikate Peinture.

Heinz Stahlhut