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Männerbildnis
  • Felix Maria Diogg
  • Männerbildnis, 1830

  • Öl auf Leinwand
  • 73 x 61.5 x 5.5 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 94x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,830
  • Jahr bis: 1,830
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Felix Maria Diogg hat mit seinen über 300 erhaltenen Gemälden, bei denen es sich fast ausschliesslich um Einzelbildnisse handelt, eine Art Galerie der Schweizer Oberschicht zwischen der französischen Revolution und der beginnenden Restauration geschaffen. Das allgemeine Interesse an der menschlichen Gestalt und Persönlichkeit ist – was sich auch in Lavaters "Physiognomische Fragmente" (1775-1778) widerspiegelt – in jener Zeit gross. Das Porträt dient den Bedürfnissen nach Repräsentation, insbesondere auch des aufstrebenden und vermögenden Bürgertums. In der Schweiz ist Diogg innerhalb dieser Gattung, auf die er sich früh spezialisiert hat, fast konkurrenzfrei geblieben.

Die meisten der von Diogg porträtierten Personen sind mit Namen überliefert. Anders ist es beim vorliegenden Herrenbildnis. Gekleidet in ein unauffälliges dunkles Jackett, mit schwarzer Halsbinde und vor einem ebenso dunkeltonigen Hintergrund leuchtet hell das Antlitz des älteren Mannes hervor. Das von oben kommende Licht lässt eine breite Stirn hervortreten und die Schatten im Gesicht beinahe gänzlich verschwinden. Im von schütterem grauem Haar umgebenen Gesicht mit einem breiten, fast lippenlosen Mund und praktisch inexistenten Augenbrauen stechen einzig die grossen dunklen Augen hervor. Das weit auseinander liegende wimpernlose Augenpaar scheint den Betrachter aufmerksam zu beobachten. Der Ausdruck, der auf dem merkwürdigen, fischähnlichen Männergesicht vorherrscht, bleibt dabei undefinierbar. Kein Lächeln umspielt den Mund, dennoch wirkt der Dargestellte nicht unfreundlich oder unsympathisch. Im Gegenteil werden ihm gelegentlich geistige Qualitäten zugeschrieben, und er wird als "feinfühlig und gebildet" beschrieben.

Dioggs Biograph Johann Caspar Hirzel beschreibt, wie Diogg mit den verschiedensten Schattierungen einer Farbe arbeitet und insbesondere beim Inkarnat die unterschiedlichsten "Fleischtöne" verwendet. So entsteht auch hier der Eindruck einer äusserst sensiblen, feinporigen Haut, die an den Wangen fleckig gerötet erscheint.

Das "Herrenporträt", gelegentlich auch als das "Porträt eines Zürcher Herren" bezeichnet, ist eines der beiden letzten Bildnisse, die Diogg geschaffen hat. "Bedeutenderes als das Greisenhaupt des Zürcher Herrn mit dem verklärten, fast magischen Blick […] ist Diogg vordem nie gelungen", schliesst Hugelshofer seine Beschreibung von Leben und Werk des Künstlers ab. Tatsächlich werden hier die künstlerischen Möglichkeiten Dioggs nochmals voll ausgeschöpft. Dazu gehören der Nuancenreichtum in Farbtönen und deren Schattierungen, eine Meisterschaft in der Lasurtechnik und der Glätte des Farbauftrags sowie die genaue Beobachtung und eine zunehmende Zärtlichkeit in der Wiedergabe des Modells. Deutlich wird, wie der Maler sein Interesse immer stärker von den Attributen weg zum Gesicht und insbesondere zu den Augen als eigentliche Seelenträger gewendet hat.

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