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L’art c’est du travail/ Ben
  • Ben Vautier
  • L’art c’est du travail/ Ben, 1970

  • Hölzerner Arbeitstisch aus dem Atelier der Künstlerin Monika Günther, Acryl
  • 79 x 160 x 78.5 cm
  • in Ecke Tischplatte "L’art c’est du travail/ Ben"
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung Monika Günther, Luzern
  • Jahr von: 1'970
  • Jahr bis:
Werkbeschrieb

Ben Vautier beschreibt Dinge – Moi Ben je signe heisst eine Arbeit von 1962 . Er schreibt mit der Farbtube direkt auf Leinwände, Holz, Wände, Tafeln, Stühle, Kisten und Tische und manchmal auch auf Kunstwerke anderer Künstlerinnen und Künstler – Moi Ben je signe l’art, ebenfalls 1962. Im Grunde genommen benennt er die Dinge des alltäglichen Lebens und die Fra¬gen an dieses, wenn er beispielsweise in seiner bekannten Ästhetik mit weisser Farbe auf schwar¬zem Grund behauptet L’amour c’est des mots oder wenn er fragt: Tout est-il théâtre?
Im Alter von 14 Jahren zieht er 1949 zusammen mit seiner Mutter von Lausanne (CH) nach Nizza (FR). Im Katalog zur Ausstellung in Marseille 1995 schreibt er: «Au collège, on se moquait de mon accent. J’étais très triste et je me souviens d’avoir eu souvent envie de me jeter du haut d’un pont. Parce que la vie est trop chère en Suisse et parce que je souffre de sinusite aiguë, ma mère vient s’installer à Nice ou elle a des amies.» Dort lernte er Künstler wie Yves Klein, Marcel Duchamp und Daniel Spoerri persönlich kennen. Später, in den frühen 1960er Jahren, wird sein mittlerweilen legendärer Laden für gebrauchte Schallplatten, bekannt als Magasin, zum Treffpunkt der lokalen Szene und dient als Ort für Ausstellungen und Kunstaktionen aller Art. Vautier wird nachgesagt, er hätte die Kunst mit seinen Aktionen unmittelbar auf die Strasse gebracht. Auch deshalb wird er als eine der zentralen Figuren der Fluxus-Bewegung verstanden. Im Magasin nutzt Vautier nicht nur die Schaufenster für seine Ideen, sondern die gesamte Fassade, die er immer wieder bemalt und neu gestaltet. Sprüche wie «Tout est art» oder «Pas d’art» und «Disques ½ Prix» hängen da nebeneinander, so dass kaum zu erkennen ist, was nun zum Geschäft gehört und was Kunst sei. Und genau darum geht es Vautier in seiner damaligen Arbeit. Das Leben und die Kunst gleichwertig auf einer Ebene zu verstehen: Alles ist Kunst, und alles ist Leben, und schliesslich ist alles auch Arbeit – L’art c’est du travail steht da auf einem Tisch von 1970, signiert mit Ben.
Der Tisch ist gezeichnet von den Spuren der Zeit und der Arbeit, die daran verrichtet wurde. Ein grosser dunkler Fleck, wohl von einem heissen Bügeleisen eingebrannt, zeigt mit seiner Spitze direkt auf den mit weisser Acrlyfarbe aufgetragenen Spruch, der wie so oft auch der Titel der Arbeit ist, L’art c’est du travail. Was auf den ersten Moment sehr ernüchternd klingt, ist unter Berücksichtigung von Vautiers Schaffen als sein allgemeines Credo und Verständnis für Kunst zu verstehen. Indem er die Dinge um ihn herum beschreibt, in dem er wortwörtlich auf diese schreibt, verwischen sich die Grenzen zwischen Kunst und Alltag. Objekte jeglicher Art erklärt er, von Duchamps Ready-Mades ausgehend, zu Kunstwerken, um ihnen in ihrer Albernheit diesen Status auch gleich wieder zu entziehen. Vautiers Tisch aus dem Atelier der Künstlerin Monika Günther ist und bleibt ein Tisch, einer der uns daran erinnert, dass Kunst in allem steckt, auch in der Arbeit.

Claudio Vogt