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Le Bain
  • Félix Vallotton
  • Le Bain, 1894

  • Holzschnitt, Ex. 9/25
  • 25.6 x 30.5 cm
  • im Stock signiert unten rechts: "FV"; unten links mit Bleistift numeriert: "9-25"; unen rechts Blindprägestempel des Ateliers
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung Christof und Ursula Engelhorn, Art Mentor Foundation Lucerne
  • Jahr von: 1'894
  • Jahr bis:
Werkbeschrieb
Provenienz

Eine Frau entsteigt der Badewanne; sie stützt sich mit der rechten Hand am Wannenrand ab, während daneben schon das Dienstmädchen mit dem Handtuch bereitsteht – eine Szene, wie sie alltäglicher nicht sein könnte. Doch unter der Hand von Félix Vallotton wird im Medium des Holzschnitts aus dem einfachen Geschehen ein Moment von sinnlicher Delikatesse, visueller Irritation und feinem Witz.
Der Holzschnitt, der von den Expressionisten am Beginn des 20. Jahrhunderts wegen seiner Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit geschätzt wurde, war für die Generation Vallottons ein Medium der ornamentalen Schönlinigkeit und flächigen Reduktion, wie sich an «Le Bain» zeigen lässt: Gerade in der – das gesamte mittlere Bildfeld beherrschenden, makellosen – Schwarzfläche kommt der elegant geschwungene Wannenrand als schöne Linie zur Geltung. Erst aus ihrer Schwingung entsteht überhaupt die Illusion, dass sich die Wandungen der Wanne im Raum wölbten. Dieses Spiel mit der Fähigkeit von Betrachterin und Betrachter, trotz der reduzierten Flächenformen Gegenstände detailliert dargestellt zu sehen, lässt sich an vielen Stellen von «Le bain» ausmachen; so sind am linken Bildrand eigentlich nur ein schwarzes und ein weisses, jeweils beiläufig von Linien durchzogenes Feld zu sehen. Dennoch assoziiert man sofort einen Haufen von Unterwäsche, Unterrock und Kleid, wie sie zur opulenten Bekleidung der eleganten Damen des späten 19. Jahrhunderts gehörten. Überhaupt sind alle Motive im Bild nur angeschnitten gezeigt, so dass Betrachterin und Betrachter gehalten sind, sie im Geiste zu vervollständigen.
All diese Charakteristika – Flächigkeit, überschnittene Nahformen, ornamentale Schönlinigkeit – sind eindeutig Merkmale der Kunst der japanischen Holzschnitte, der sogenannten Ukiyo-e, die nach der Öffnung Japans zum Westen Mitte des 19. Jahrhunderts in Massen nach Europa gelangten und dort eine wahre Japanomanie auslösten.
Schon in den Darstellungen von japanischen Meistern wie Katsushika Hokusai (1760-1849) oder Utagawa Hiroshige (1797 – 1858) waren intime Verrichtungen besonders beliebte Sujets. Darstellungen junger Frauen beim Verlassen des Bades, beim Kämmen des Haars, beim Ankleiden inspirierten denn auch zahlreiche europäische Künstler und Künstlerinnen wie die Impressionisten Edgar Degas, Auguste Renoir und Mary Cassatt, sowie
Künstlerfreunde Vallottons wie Pierre Bonnard und Henri de Toulouse-Lautrec zu zeitgenössischen und ins europäische Milieu transponierte Versionen. Selbst der etwas schräge, teilweise ins Derbe zielende Witz der japanischen Bilder fand Eingang in die europäischen Variationen; so wenn in «Le bain» die s-förmige Ornamentlinie der Tapete plötzlich zur Kontur der Stirn des Dienstmädchens wird und mit der etwas griesrämigen Mund- und Kinnpartie korrespondiert. Solche Kippfiguren, in denen das Eine plötzlich in das Andere umschlagen kann, macht Vallotton mit den Wasserhähnen in der Bildmitte prominent zum Thema. Denn sie zitieren das Kippbild Hase/Ente, das zu Beginn der 1890er-Jahre erstmals publiziert wurde.
Heinz Stahlhut