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Skizzen, Werkpläne, Diagramme zum Ensemble Gesang der Schreitsockel
  • Franz Erhard Walther
  • Skizzen, Werkpläne, Diagramme zum Ensemble Gesang der Schreitsockel, 1975–1977

  • Bleistift, Wasserfarbe, Deckfarbe auf Papier
  • je 29.6 x 21 cm
  • signiert und datiert einzeln, unten rechts: "Walther 75", resp. "Walther 76", resp. "Walther 77"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 94.35:1-70y
  • © 2011, ProLitteris, Zürich
  • Jahr von: 1,975
  • Jahr bis: 1,977
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Franz Erhard Walthers grosse Installation „Gesang der Schreitsockel“ (vgl. KML 92.132w) wird ergänzt durch ein 70-teiliges Konvolut von verschiedenen, ungefähr dem Format A4 entsprechenden Skizzen, Werkplänen und Diagrammen. Gefertigt mit Bleistift, Deckfarbe und Wasserfarbe fokussieren die in feinen Farbtönen gehaltenen Skizzen die Elemente von Form, Farbe und Sprache. Während auf einigen Skizzen lediglich farbige Formen zu erkennen sind, gruppieren sich auf anderen Zeichnungen Buchstaben zu eigentlichen Wortbildern.

Die Skizzen, Diagramme und Werkzeichnungen stellen eine wesentliche inhaltliche Ergänzung zu Walthers skulpturalen Objekten und dem ihnen immanenten 'erweiterten Werkbegriff' dar. Bereits die 58 auf Handlung ausgerichteten Objekte des „1. Werksatzes“ (1963–1969) werden mit über 5000 Werkzeichnungen ergänzt, die – so Walther – „wiedergeben, was ich in den Werkhandlungen an Vorstellungen, Räumen, Formen, Bildern und Begriffen entdeckt habe“. Ihre Form, ihre Fokussierung auf typographische Elemente, auf Buchstaben und Schrift zeugen ebenso von Walthers grundsätzlichem Interesse an den ästhetischen Komponenten der Schrift wie an der Sprache als zentrales künstlerisches Material. Dieses Interesse mag mitunter mit Walthers künstlerischer Ausbildung im Zusammenhang stehen, besucht er doch vor seinem Studium an der Frankfurter Hochschule für bildende Kunst (Städelschule) für rund zwei Jahre die Werkkunstschule in Offenbach. Die dort begonnene Ausbildung zum Werbegrafiker scheint jedoch seinen Erwartungen nicht zu entsprechen. Mit Einwilligung des Schuldirektors darf er an verschiedenen Klassen und Kursen teilnehmen, bis er sich im März 1958 schliesslich für die „Fachabteilung angewandte Graphik – Schrift“ entscheidet, die er bis Ende des Jahres regelmässig besucht. In den in dieser Zeit entstehenden „Wortbildern“ arrangiert er Buchstaben zu Wörtern und Wörter zu Bildern, experimentiert mit Farben und Formen, spielt mit Schrifttypen und Bedeutungsebenen.

Die Werkzeichnungen zum „1. Werksatz“ oder das Konvolut an Zeichnungen zum „Gesang der Schreitsockel“ basieren ebenso auf diesen frühen typografischen Arbeiten wie sie das Fundament für eine spezifische, von Walther konzipierte Begriffswelt bilden, die für sein gesamtes künstlerisches Schaffen überaus zentral ist. Die in den Werkzeichnungen verwendeten Begriffe wie „Ort“, „Körper“, „Richtung“, „Raum“ oder „Skulptur“ bilden das zentrale Werkvokabular von Walthers Œuvre; Wortgruppierungen wie „der Körper baut den Raum in Schritten“ verweisen auf die den skulpturalen Arbeiten zugrunde liegenden Funktions- und Bedeutungsebenen. Ebenso wie die sprachlichen präzisieren auch die zeichnerischen Elemente die Handlungs- und Werkbildungsprozesse der skulpturalen Arbeiten. Die Anordnung der Formen in den Skizzen, Werkplänen und Diagrammen zum „Gesang der Schreitsockel“ erinnert oft an die rechtwinkligen Bauteile der Installation und stellen in diesem Sinne auch reale mögliche Auslegeordnungen dar. Die grundsätzlich ephemere Ebene einer variablen Anordnung vom „Gesang der Schreitsockel“ und die daran gekoppelten, ebenso vergänglichen Handlungen erfahren so auf der Ebene der Werkzeichnungen eine Fixierung. Zudem zeugen die in der Sammlung des Kunstmuseums erhaltenen Zeichnungen auch von deren künstlerischem Eigenwert. Während die Werkzeichnungen und Diagramme in Walthers Œuvre in den 1960er Jahren noch weitgehend reine Aufzeichnungsformen sind, fokussiert der Künstler ab Mitte der 1970er Jahre immer mehr deren künstlerischen Eigenwert. So erscheinen die Skizzen und Werkzeichnungen zum „Gesang der Schreitsockel“ auch in der Neupräsentation dieser Arbeit im Kunstmuseum Luzern im Herbst 2010 als autonome Werke, die dem Skulpturenbegriff von Franz Erhard Walther eine zusätzliche Dimension verleihen.

Gioia Dal Molin