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Bildnis Carl Spitteler
  • Ferdinand Hodler
  • Bildnis Carl Spitteler, 1915

  • Öl auf Leinwand
  • 65 x 80 cm
  • signiert unten rechts: "Ferd. Hodler"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Stadt Luzern
  • Inv.-Nr. G 777x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,915
  • Jahr bis: 1,915
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Das Bildnis des Schweizer Schriftstellers Carl Spitteler (1845–1924) malt Hodler im Jahr 1915, als die beiden Männer durch die Propaganda der beiden kriegführenden Nachbarn Frankreich und Deutschland sehr angefeindet werden. Der Schriftsteller und Biograf Hodlers, Carl Albert Loosli, hat den Kontakt zwischen den beiden hergestellt, da sie durch ihren persönlichen Einsatz in die ideologischen Auseinandersetzungen der kriegführenden Nachbarstaaten Frankreich und Deutschland hineingezogen worden waren und die Diskussionen um die neutrale Rolle der Schweiz sowie die Zerstörung von Kulturgut erweitert hatten.

Auslöser war im September 1914 Hodlers Unterschrift unter einen Aufruf Westschweizer Kulturschaffender gegen die Beschiessung der Kathedrale von Reims durch deutsche Artillerie. Der Künstler war anschliessend in Deutschlands Kunstszene als undankbarer Verräter beschimpft und in der Kunst- und Kulturszene weitgehend isoliert worden. Spitteler, der bereits mehrere Artikel über die Eigenständigkeit der Schweiz in einem von aggressivem Nationalismus geprägten Zeitalter veröffentlicht hatte, ergriff in der Folge Partei für Hodler und verteidigte ihn in einem Leserbrief im Luzerner Tagblatt vom 18.10.1914 gegenüber den vor allem in Deutschland erhobenen Vorwürfen, die Hodler in Verkehrung der Tatsachen „niedere Beweggründe“ unterstellten. Diese Vorgänge führten zu der persönlichen Begegnung, aus der die Idee zu einem Porträt entstand.

Wie die auf der Rückseite des Gemäldes angebrachte Widmung Hodlers verrät, ist das Gemälde ein Geschenk des Malers zum nahen 70. Geburtstag des Dichters am 24. April. Hodler malt mehrere vorbereitende Bildnisse in Öl auf Papier und Zeichnungen. Die Wahl eines querrechteckigen Formats ermöglicht es Hodler, das Brustbildnis trotz des unbestimmten Hintergrundes in räumlicher Anordnung zu zeigen, indem er auch den Lehnsessel und die rechte Hand des Dichters mit ins Bild setzt.

Die Darstellung des Dichters im Profil ist ein Bildtypus der bei Hodler selten vorkommt. Meist werden die Menschen in den Porträts frontal gezeigt. Im selben Jahr 1915 malt der Künstler auch mehrere Profilbildnisse des Generals Ulrich Wille. Der bärtige Mann blickt entspannt und ohne Regung in eine unbestimmte Ferne – eine Haltung, die eine Atmosphäre von Überzeitlichkeit verströmt und als künstlerischer Ausdruck einer Gegenposition zu den aktuellen Stürmen gesehen werden kann, die Porträtierenden und Porträtierten umgaben.

Matthias Fischer