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Genius Pitores
  • Jean-Frédéric Schnyder
  • Genius Pitores, 1975

  • Aquarell auf Papier
  • 60 x 48.9 cm
  • verso: bezeichnet: "Mizzy et Juan el Millionario de Ftan"
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung Sammlung Toni Gerber, Bern
  • Inv.-Nr. 87.22y
  • © Jean-Frédéric Schnyder
  • Jahr von: 1'975
  • Jahr bis: 1'975
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Die Malerei an sich (KML 87.21y; 87.23y), die Inspiration (KML 87.22y) oder der Künstler selbst unter dem Pseudonym „Juan el Millionario“ (KML 87.22y) sind Motive der zwischen 1974 und 1975 entstandenen Aquarelle Jean-Frédéric Schnyders. Ein mit der Signatur und Datierung „v.M:Mizzy et Juan el Mill. da FtanMCMLXXV“ versehenes Blatt (KML 87.26y) zeigt Begegnungen zwischen Menschen. Vielleicht ist aber gerade die Darstellung des Glück suchenden „Menschs als Solchem“ (KML 87.24y) – ein grünes Zwitterwesen aus Marsmensch und Schmetterling – emblematisch für Schnyders Arbeiten aus den 1970er Jahren. Die dank einer Schenkung Toni Gerbers 1987 in die Sammlung des Kunstmuseums Luzern gelangten Blätter zeigen eine verkürzte Pinselsprache. Sie erinnern an die Werbegrafik der 1950er Jahre, lassen dabei eine in Pastelltönen gehaltene Pop-Ästhetik anklingen. Die fast naiv anmutenden Zeichnungen sind vielschichtige Bilder über Bilder – Metabilder, die geschickt die Erwartungen ihrer Betrachter unterlaufen.

In „Genius Pitores“ (1974, KML 87.22y) legen sich schemenhafte, schwarze Flecken schattenartig über einen pinkfarbenen, lasierend nass gewölkten Grund. Dem Rand entlang zieht sich ein fransig gemalter schwarzer Rahmen. Obwohl sich das Bild ausschliesslich aus abstrakten Formen zusammenfügt, verleiten die verschiedenen Bildelemente dazu, die Zeichnung interpretierend zu deuten: Vexierbildartig treten abwechselnd die dunklen, scheinbar zufällig verteilten Flächen oder aber deren Zwischenräume zu einer Form zusammen. Wer seinen Assoziationen freien Lauf lässt, mag in der Bildmitte die Gestalt eines Embryos oder eines Ausserirdischen erkennen. Es scheint, als transportiere ein Nabelschnurartiger Kanal die rosarote Farbe der Randregionen zur Mitte hin. Dort lässt sich eine kleine elliptische Form ausmachen. Oberhalb dieser ‚Keimzelle’ – axial zum ausgeschriebenen Titel „Genius Pitores“ am unteren Bildrand – befindet sich ein Totenkopfzeichen. ‚Genius’ stand in der römischen Religion für den Schutzgeist eines Mannes, war Ausdruck seiner Persönlichkeit, seiner Schicksalsbestimmung und insbesondere seiner Zeugungskraft. Das romanische oder spanische Lehnwort ‚pitores’ für den oder die Maler kann sich auf den damals im Engadin lebenden Schnyder selbst oder die Künstler im Allgemeinen beziehen.

Mit einer Kombination aus Wortschrift, Bildzeichen und abstrakten Farbfeldern zeigt Schnyder die Grenzen interpretativer Zeichensysteme. Seine Bildkomposition provoziert Projektionen des deutenden Betrachters, trotz oder gerade weil unklar bleibt, ob die Malerei nun abstrahiert, darstellt oder beides. Denn das Bild schliesst mehrere Lesarten des Abstraktionsbegriffs ein. Schnyder rechnet einerseits damit, dass sich der Mensch von abstrakten Zusammenhängen oder Vorstellungen ein allegorisches, personifizierendes Bild macht. Andererseits widmet er sich in einer spielerischen Auseinandersetzung mit Inspiration, Ursprung und Abstraktion zentralen Themen der Kunst im 20. Jahrhundert und knüpft dabei an den Malereidiskurs der Moderne an. Der russische Avantgardist Wassily Kandinsky hatte in der 1912 publizierten Programmschrift „Über das Geistige in der Kunst“ seine ersten abstrakten Aquarelle theoretisch begründet. Er definiert den abstrakten Maler als „Ein[en] Künstler, welcher in der wenn auch künstlerischen Nachahmung der Naturerscheinungen kein Ziel für sich sieht und ein Schöpfer ist, welcher seine ‚innere Welt’ zum Ausdruck bringen will und muß […]“. Einzig die abstrakte Form vermöge innerliche, geistige Prozesse, die Wahrnehmung der Welt jenseits des Abbildes zu repräsentieren, denn sie allein berge den „Keim der Zukunft“. Kandinskys Theorie propagiert ein Künstlerbild, das Schnyders „Genius pitores“ in gewohnt apostrophierender Art zitiert und unterwandert. Seit seinen ersten autodidaktischen Versuchen, zeigt seine Malerei einen reproduktiven Zugang. Ob plein-air nach der Natur, nach Sujetvorlage oder nach einer bildlichen Vorstellung – Schnyder malt die Dinge nicht nur nach, sondern bildet in Technik und Motiv das Bild als ein Gefäss von Vorstellung und Realität mit ab. Dabei schreckt er vor nichts zurück. Nicht einmal davor, dem Begriff ‚Abstraktion’ einen ‚Körper’ zu verleihen.

Obwohl sich die Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts von ihrer darstellenden Funktion gelöst hat, sich schliesslich in gestisch-abstrakten Formen als universell-freiheitliche Bildsprache etabliert, gehen Betrachter und Kritiker zunächst weiterhin von der Originalität und Innovation des Künstlers als Zeichen seines Genies aus. Ab Ende der 1950er Jahre verschiebt sich der Werkbegriff aber. Literatur, Philosophie und Kunst erklären 1968 gar den „Tod des Autors“: Die Schöpfung eines Kunstwerks verteile sich nicht auf einen einzelnen Geist, sondern auf jeden Mensch, der sich damit auseinandersetzt und also subjektiv daran teilhat. Dementsprechend messen Minimal und Pop Art, Performance, Fluxus oder Arte Povera die künstlerische Leistung nicht länger an der originellen Bilderfindung, sondern am Bewusstsein für Produktions- und Materialprozesse, Rollenbilder und die soziale Prägung des Raums. In der Malerei führt ein taktiles Interesse an der Objekthaftigkeit des Bildes sowie an abbildenden Verfahren schliesslich zurück zu Motiv und Gegenstand. Diese Wende oder eher die unterschiedlichen Kunstauffassungen dahinter, beschwört Schnyders „Genius Pitores“.

Obwohl Jean-Frédéric Schnyder sich vielfach darstellende Sujets aneignet, experimentiert er mit den Möglichkeiten und Grenzen der Abstraktion. Zu einer Ausstellung seiner Aquarelle formuliert er später folgende Fragen: „Wird der Künstler von höheren Wesen geleitet? Gibt es Unterschiede zwischen Darstellung und Inhalt?“ Und: „Wann ist ein Bild abstrakt?“ Auf dieser Suche nach dem ‚Wesen’ der Kunst erweist Schnyder der selbstreflektierten künstlerischen Praxis Sigmar Polkes seine Reverenz. Mit „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ hatte Polke schon 1969 am Beispiel eines abstrakt-konkreten Bildes gewitzt die Mystifizierung künstlerischer Tätigkeit vorgeführt.

Gabrielle Schaad