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Legende der heiligen Ursula, Martyrium der 11'000 Jungfrauen
  • Luzerner Meister des 15./16. Jh.
  • Legende der heiligen Ursula, Martyrium der 11'000 Jungfrauen, um 1514

  • Öl auf Holz
  • 138.5 x 71.1 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Bernhard Eglin-Stiftung
  • Inv.-Nr. M 100x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,514
  • Jahr bis: 1,514
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Vermutlich ursprünglich Teil eines Flügelaltars aus einer Kapelle in Gisikon oder Ebikon, ist diese Bildtafel das Gegenstück zu einem gleichformatigen Retabel im Besitz des Kunstmuseums Luzern, welches das Martyrium der zehntausend Christen zeigt (KML M 99x). Im Zentrum des Gemäldes findet sich die Darstellung eines Schiffes mit gehisstem vom Wind erfasstem Segel. Vor dem Segelmast und inmitten verschiedener Menschengestalten steht eine gekrönte blau und blassrot gewandete Frau, die Hände über der Brust zum Gebet gefaltet. Im Vordergrund sind drei männliche Figuren zu sehen, welche die Schiffspassagiere mit Waffen bedrohen und über Bord zerren.

Die Szene illustriert ein Geschehen der so genannten Ursulalegende, die als grossformatiger Bildzyklus in der Interpretation Vittore Carpaccios Bekanntheit erlangen sollte. Vorliegende Darstellung hält den Moment der Rückkehr Ursulas und ihrer Begleiterinnen von einer Pilgerfahrt nach Rom fest. Gemäss der nicht historisch belegten Legende soll Ursulas Tross, zu dem – je nach Überlieferung – auch männliche Begleiter, zum Beispiel Papst Cyriakus und andere kirchliche Würdenträger, gehören, bei Köln von einem Hunnenheer angegriffen worden sein. Da die Begleiterinnen ihre gelobte Jungfräulichkeit gegen die Angreifer verteidigen, werden sie von jenen niedergemetzelt. Ursula selber wird vom Hunnenkönig Etzel mit einem Pfeil durchs Herz getötet, nachdem sie sich weigert, seine Frau zu werden.

Obschon hier der Tod der Ursula nicht eigentlich dargestellt ist, enthält die bildliche Wiedergabe ausserordentliche Prägnanz: Als markiere sie damit die Stelle, an der sie tödlich getroffen werden soll, hält Ursula die zum Gebet gefalteten Hände auf die Höhe des Herzens vor den Körper. Wie Christus an der Martersäule steht sie vor dem entsprechend ähnlich wiedergegebenen Mast. Der goldene Strahlenkranz, der ihr Haupt umgibt, antizipiert auch schon die spätere Heiligsprechung. Damit wird im Gemälde mit bildeigenen Mitteln ausgedrückt, was die mündliche oder schriftliche Überlieferung der Legende besagt: Ursula sieht ihr bevorstehendes Martyrium in einem Traum voraus. Das Motiv der Bewegung – der inneren des Leidens wie der äusseren der Reise – ist glaubhaft dargestellt vermittels des vom Wind stark geblähten Segels der Barke: Der Windstoss kommt, wie die Angreifer, von rechts, und zeigt so gleichermassen die Richtung des Schiffes wie auch die nahende Bedrohung an. Letztere ist durch die exotisch-fremd, nämlich orientalisch wirkende Erscheinung insbesondere des Aggressors ganz rechts im Bild weiter verdeutlicht.

Im farblich eher reduziert gehaltenen Hintergrund des Gemäldes findet sich eine mittelalterliche Stadtbefestigung. Weiter ist ein zeitgenössischer, Gotik- wie Renaissance-Elemente aufweisender Kirchenbau zu sehen. Fast die ganze obere Hälfte der Bildtafel wird, durch eine leicht schiefe Horizontlinie von der Darstellung der Wasserfläche und der Landschaft abgegrenzt, vom blassen Blau des Himmels, dem weissen Segel und der die Form dieses Tuchs ergänzend weiterführenden Wolke eingenommen. Diese Aufteilung nimmt nicht nur die strenge Vertikalität zurück, die durch das Format der Tafel vorgegeben ist, sie bildet auch einen reizvollen formalen Kontrast zur anderen Darstellung desselben Flügelaltars (KML M 99x), wo mit der felsigen Landschaft die Vertikale zusätzlich betont wird. Einst muss sich auf der Rückseite der vorliegenden Bildtafel, wie auf dem Pendant mit dem Martyrium der Ritter, die heute abgelöste Relief-Darstellung zweier Heiliger befunden haben: hier handelt es sich um Alpheus und Salome, deren Namen nach wie vor an der unteren Rückseite des Retabels zu entziffern sind.

Isabel Fluri