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Ohne Titel
  • Dieter Roth
  • Ohne Titel, 1969

  • Plexiglas und Schokolade
  • 51 x 30 x 3 cm
  • signiert und datiert, oben, mit schwarzem Filzstift: "DITERROT 69."
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 536w
  • © Estate of Dieter Roth
  • Jahr von: 1'969
  • Jahr bis: 1'969
Werkbeschrieb
Provenienz
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Literatur
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Ein Häufchen gräulichbraune zerbröselte Masse in einem flachen schmutzigen Plexiglasbehälter – so präsentiert sich Dieter Roths namenloses Objekt aus dem Jahre 1969 dem Betrachter heute. Das Werk gehört zu einer Gruppe von "Materialbildern" mit teilweise organischen Bestandteilen, im vorliegenden Fall Schokolade, aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Die Verarbeitung von sich mehr oder weniger zersetzendem organischem Material scheint bei Roth vornehmlich subjektives Vergnügen des Künstlers zu sein. Es ist demzufolge eher ein "Rantasten an das Eklige" (in: Interview mit Ursula Perucchi-Petri, 1981) als eine Auseinandersetzung mit dem Thema Essen und Mahlzeit aus soziologischer Perspektive, von der unter anderem die Eat Art Daniel Spoerris geprägt ist. Behauptet sich das traditionelle Kunstwerk mit seinem Ewigkeitsanspruch gemeinhin gegenüber dem Lebendig-Flüchtigen, so verzichtet Roths Kunst gerade darauf, sich wesentlich vom Leben unterscheiden zu wollen. Nahrungsmittel wie beispielsweise Schokolade werden dem Zerfall überlassen und nähern sich, ohne tatsächlich von Magensäure zersetzt zu werden, zumindest optisch menschlichen Fäkalien an.

Dies lässt die Vermutung zu, die Arbeiten Dieter Roths behandelten primär das Thema "Vergänglichkeit". Des Künstlers Antwort auf die Frage, ob die Bilder (Werke) in derselben Geschwindigkeit wie das Leben vergingen, lautet jedoch: "Das kommt darauf an, wie man es empfindet… Es tritt allmählich schon eine gewisse Verlangsamung ein. Denn die Bilder werden mich ja überleben. Und einen gewissen Standard behalten die Bilder auch, wenn sie auf das Vergehen hinweisen. Die drücken das Vergehen dann doch auf einen zeitlichen Stop, sie halten sich als Bild, obschon sie als Materie vielleicht untergehen. Das ganze kaputte, durchgefaulte Bild steigt eigentlich, bekommt immer mehr Museumsleben… wobei ein Museum für mich schon immer mehr oder weniger ein Begräbnisinstitut gewesen ist…" (Gespräch mit Hans-Joachim Müller, 1990). Weniger die in der Kunstgeschichte hinlänglich bekannte Vanitassymbolik prägt somit die Materialbilder Roths, als vielmehr das Motiv der "Entwicklung" oder auch Verlebendigung des Werks in der Zeit.

Isabel Fluri