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Osterei
  • Augusto Giacometti
  • Osterei, 1926

  • Öl auf Leinwand
  • 27.5 x 35.8 cm
  • signiert unten links: "A.G."
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Bernhard Eglin-Stiftung
  • Inv.-Nr. M 83x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,926
  • Jahr bis: 1,926
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Nach einer Phase der abstrakten Ungegenständlichkeit spielt der einzelne Gegenstand bei Augusto Giacometti ab 1920 wieder eine wichtige Rolle. Der Künstler verleiht ihm eine geradezu magische Präsenz, indem er ihn des Raumes enthebt und ihn aus einem dunklen Bildgrund in bunter Farbenpracht hervortreten lässt. Dem Gegenständlichen haftet nichts Prosaisches an, sondern verweist ins Reich der Märchen und Phantasien oder weckt Kindheitserinnerungen, wie die 1925 gemalten "Pantöffeli".

Dies ist auch beim vorliegenden, ein Jahr später entstandenen Gemälde "Grosses Osterei" der Fall. Formatfüllend ist eine in die Diagonale gestellte Hälfte eines bemalten Kartonostereis zu erkennen. Dieses beherbergt die kleine Figur einer Tänzerin. Schlafend liegt die in goldenen Farbtönen leuchtende Puppe in ihrem ungewöhnlichen Bett, scheinbar darauf wartend, dass ein Kind sie zum Leben erweckt. Das Ei sowie das Herauswachsen aus dem Dunkeln sind dabei symbolhaft für das Werden und somit auch für die schöpferische Arbeit des Künstlers. Im Zentrum eines neblig verfliessenden, dunkeltonigen Farbchaos leuchtet die kleine, goldene Figur. Nicht haptisch greifbar ist sie, sondern lediglich Erscheinung, schemenhaft und phantastisch. Das Bild des geöffneten Ostereis weckt eine von Sehnsucht und Melancholie durchsetzte Erinnerung an die Kindheit.

Giacometti verfügt über ein ausserordentlich tiefes Farbempfinden. Für ihn schliessen die Farben und ihre Gesetze alle Wahrheiten und Prinzipien der Natur ein. "Denn es scheint, als ob alles Farbige nicht zufällig, sondern nach Gesetzen vor sich geht. Nur kennen wir den Schlüssel noch nicht. Hätten wir ihn, so könnten wir gewissermassen von oben herab verstehen und disponieren. Wir würden dann so wie die Natur malen und wären innerlich so wahr wie die Natur", meint Giacometti in seinem Radiovortrag "Die Farbe und ich" von 1933. In den Gemälden, die ab 1920 entstehen, schmilzt der Künstler die Dingwelt gleichsam in einen Farbstrom ein, der sich – als Reminiszenz an seine bemalten Glasfenster – wie flüssiges Glas über die Leinwand ergiesst. Diese Bilder bieten in ihrem exotischen Farbenrausch dasselbe sinnliche Augenerlebnis, wie die vom Künstler ausgeführten zahlreichen Glasfenster.

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