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Berechnungen
  • Rolf Winnewisser
  • Berechnungen, 1981

  • Tempera, Kreide, Tinte und Kohle auf Baumwolle
  • 150 x 500 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Stadt Luzern
  • Inv.-Nr. G 81.82x
  • © Rolf Winnewisser
  • Jahr von: 1'981
  • Jahr bis: 1'981
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Im Jahr 1981 schafft Rolf Winnewisser in New York ein Bildtuch mit dem Titel „Berechnungen“. Die Arbeit nimmt mehrere Monate in Anspruch, mit dünner Acrylfarbe, Kreide, Kohle und Tinte baut der Künstler Schicht um Schicht auf, verwirft Bild-Ideen, greift sie wieder auf, übermalt Stellen, korrigiert. Mit einer Länge von 5 Metern und einer Höhe von 1.50 Meter weist das Werk eine strenge Vertikalität auf.

Die durchlässig übereinander geschichteten Ebenen des Bildgrundes, die stets als Ahnung, als Erinnerung präsent bleiben, verleihen dem Bildtuch eine tiefe, sinnliche Dichte. Über dieser leuchtend blauen Fläche, die von einem schmalen, ockerfarbenen Streifen in der oberen Hälfte durchbrochen ist, legt Winnewisser mit trockener Kreide eine filigrane Bildstrecke an. An archaische Höhlenmalereien erinnernd, scheinen die einzelnen Zeichnungen weitgehend unabhängig voneinander zu funktionieren. Neben stechend klaren, dem Tuch mehrfach eingeschriebenen Linien, stehen vermalte Kreideflächen, die weiss schimmernd aus dem Untergrund hervortreten oder in diesen versinken. Indem die Zeichnungen mal konkret figürlich, mal abstrakt sind, mal zwischen Figurativem und Abstraktion schwanken, beleuchten sie verschiedene Darstellungsmöglichkeiten. Sich teilweise überlagernd und sorgsam reduziert, stehen sie in einer seltsamen Beziehung zueinander und können dennoch keinem eindeutigen Zusammenhang zugeordnet werden.

Formal erinnert das Werk an Markus Raetz’ „Neapelfries“ aus den Jahren 1979/80 (Kunstmuseum Bern). Doch mit dem Konglomerat von dreidimensionalen Zeichnungen, die je nach Standpunkt und Sichtweise des Betrachters unterschiedliche Inhalte transportieren, untersucht Raetz systematisch konkrete Sichtbilder. Winnewisser hingegen tastet nach Bildern, die ihm ungefragt zufallen. Seine Textarbeit, die gleichberechtigt und ähnlich enigmatisch neben dem bildnerischen Schaffen steht, zeigt einen Künstler, der wahrnimmt und beschreibt. Gemäss Winnewisser, der sich intensiv mit den Schriften von Gilles Deleuze oder Jacques Derrida auseinander gesetzt hat, ist der hermeneutische Sinn niemals Ursprung, sondern immer nur Produkt der menschlichen Wahrnehmung, das Bild „Liniengerüst einer Vorstellung“. Da die Wahrnehmung niemals konstante Ergebnisse erzielt und sinnliche Eindrücke einer stetigen Veränderung unterworfen sind, ist auch der Inhalt eines Bildes keine in sich ruhende Gegebenheit. Dieser Anschauung entsprechend sucht Winnewisser nach gebrochenen, nach mehrdeutigen Bildern. Der hier verwendete, ungerahmte Baumwollstoff kommt als formbarer Bildträger der Suche entgegen. Durch das starke Querformat und die Anordnung der Zeichnungen klingt ausserdem eine Bildform an, die Winnewisser im selben Jahr im Chinatown von New York erstmalig kennen lernt und danach immer wieder aufgreift: die Querrolle. Das vor allem im ostasiatischen Raum verbreitete Medium umgeht mit der Möglichkeit des Rollens von Bild zu Bild die einzelne, in sich geschlossene Darstellung und lässt in der Bewegung ein Neben- und Ineinander von mehreren Bildern zu. An die Wand gepinnt, veräusserlicht das vorliegende Werk sein Bildpotential in einer Gleichzeitigkeit, die den Betrachtenden selber zur Bewegung zwingt. Um die Zeichnung in ihrer feinen Beschaffenheit richtig wahrnehmen zu können, ist eine gewisse Nähe nötig, die zahlreichen Vernetzungen zwischen den Zeichnungen bedingen mehr Abstand. Die Bildentstehung in Hinblick auf Wahrnehmungs- und Vorstellungsmechanismen untersuchend, fordert Winnewisser vom Betrachter auch eine psychische Beweglichkeit – nämlich die Bereitschaft, sich auf das flüchtige, innere Zustandsbild einzulassen.

Denise Frey