deutschenglish
Porträt der Kinder de Bauffremont
  • Johann Melchior Wyrsch
  • Porträt der Kinder de Bauffremont, 1782

  • Öl auf Leinwand
  • 114.5 x 196 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "peint par Wyrsch/1782"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 90x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,782
  • Jahr bis: 1,782
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Das „Porträt der Kinder de Bauffremont“ vereinigt in sich zwei Aspekte, die im Werk Johann Melchior Wyrschs nur selten zusammen auftreten: das Gruppenbild und die Landschaft. Zu sehen sind die fünf Kinder der Familie de Bauffremont, welche zu den einflussreichsten Adelsgeschlechtern der Franche-Comté gehörte. Die dargestellte Szene wird zu beiden Seiten des Gemäldes durch Insignien der Familie abgeschlossen: links im Hintergrund ist das Schloss Scey-sur-Saône, Familiensitz der de Bauffremont, zu sehen. Am rechten Bildrand ist auf einem Stein das Familienwappen angebracht. Unmittelbar darunter sind auf einer Steinplatte die Namen und Geburtsdaten der dargestellten Kinder eingeschrieben: Die älteste Tochter Adelaïde sitzt als zentrale Figur der Gruppe in einem blauen Rüschenkleid auf einem Stein. Während sie sich mit ihrer linken Hand aufstützt, hält sie mit ihrer Rechten ihren kleinsten Bruder Henry zurück, der – ein Steckenpferd zwischen den Beinen – seinem ältesten Bruder Alexandre entgegenläuft. Dieser kümmert sich jedoch wenig um die Anstalten des kleinen Chevaliers; mit gelben Kniehosen und einer Weste bekleidet – Rock und Hut hat er sorgfältig abgelegt – ist er gerade damit beschäftigt, einen Federball anzuschlagen. Mitspielerin ist seine jüngere Schwester Hélène, die die Figurenkomposition nach rechts hin abschliesst. Wie ihr älterer Bruder konzentriert sie sich nicht etwa auf das Spiel, sondern blickt aus dem Bild heraus auf die Betrachterin und den Betrachter. Es scheint fast so, als möchte sie mit ihrer gespreizten linken Hand zu einem höflichen Knicks ansetzen. Im Bildmittelgrund tritt eine Amme mit einem Säugling im Arm aus dem Wald hervor; aufgrund der Familiengeschichte und dem Geburtsdatum auf der Steinplatte kann man davon ausgehen, dass es sich hierbei um die jüngste, soeben geborene Tochter Hortense handelt.

Die im Park ihres Anwesens dargestellten Kinder erscheinen uns wie kleine Erwachsene. Sie sind standesgemäss gekleidet und frisiert und – abgesehen von dem Hund und dem einigermassen unbekümmert vorwärts drängenden kleinen Henry – gibt es keine Anzeichen von der Verspieltheit, die wir bei Kindern erwarten würden. Das Spiel wird zwar in einigen Requisiten – Federball, Trommel, Steckenpferd – zum Ausdruck gebracht, die Bewegungen scheinen jedoch zu Posen erstarrt zu sein. Diese Erstarrung, die sich insbesondere in den beiden Federball spielenden Kindern zeigt, spiegelt sich auch im Aufbau des Bildes wider: eine ganze Reihe von Diagonalen bindet die einzelnen Bildfiguren aneinander. So finden die Armbewegungen des Ältesten eine Entsprechung im Ausschreiten des Jüngsten und im Faltenwurf von Adelaïdes hellblauem Kleid, der durch die etwas bemühte Pose der Ältesten hervorgerufen wird. Auch in entgegen gesetzter Richtung finden sich mehrere Parallelen: Der linke Arm der Federball spielenden Hélène verläuft in derselben Richtung wie derjenige ihrer älteren Schwester und findet wiederum im Ausschreiten Henrys seine Entsprechung.

Die Starrheit der dargestellten Situation macht deutlich, dass es in diesem Bildnis weniger darum geht, die Kinder in ihrer Natürlichkeit und Ursprünglichkeit darzustellen, wie dies gerade gegen Ende des 18. Jahrhunderts und damit zeitgleich zu Wyrschs Bild in der englischen Malerei erprobt wurde. Vielmehr scheint es dem Maler darum zu gehen, die Kinder als künftige Erben der im Hintergrund erkennbaren Güter zu zeigen. Der Älteste, der nach dem Tod seines Vaters Louis de Bauffremont im Jahre 1781 und somit zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes bereits Besitzer des Schlosses gewesen sein dürfte, weist mit seinem Federballschläger denn auch explizit darauf hin. Diese Vermutung wird durch die unterschiedlichen Blickrichtungen der einzelnen Figuren bestärkt: Hier wird kaum innerbildlich agiert, geschweige denn miteinander gespielt; vielmehr ist die gesamte Bildkomposition auf einen imaginären Betrachter hin ausgerichtet, dem mit unzweideutigen Gesten der blühende Nachwuchs der Familie de Bauffremont vor Augen geführt werden soll.

Vom „Porträt der Kinder de Bauffremont“ existiert eine zweite, etwas kleinere Fassung (Stans, Kantonalbank). Sie ist signiert und auf 1785, also drei Jahre später als das Luzerner Bild, datiert. Kleinere kompositorische Veränderungen – die Figuren werden näher an den Betrachter herangerückt, die Landschaft wird beschnitten, die Szene als Ganze wirkt gedrängt – bestätigen die spätere Datierung dieser Fassung. Wyrsch ist 1785, zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes, nicht mehr in Besançon tätig, sondern lehrt als Professor an der von ihm gegründeten Zeichenschule in Luzern. Man darf also vermuten, dass diese spätere Version zumindest teilweise von seinen Schülern ausgeführt worden ist.

Barbara von Flüe