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Das Jüngste Gericht
  • Martin Moser
  • Das Jüngste Gericht, 1557

  • Ölgebundene Malerei auf Holz
  • 138 x 237 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum des Historischen Vereins Zentralschweiz
  • Inv.-Nr. K 1x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,557
  • Jahr bis: 1,557
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography

Die Vorstellung vom Jüngsten Gericht basiert auf verschiedenen Stellen aus den Evangelien nach Matthäus (25, 31-4) und Johannes (5, 19-30) und der Offenbarung des Johannes (20, 11-15). Dort wird beschrieben, wie Christus am Jüngsten Tag als Richter auf die Erde zurückkehrt, um die auferstandenen Toten aufgrund ihrer guten und schlechten Taten dem Himmel oder der ewigen Verdammnis zuzuweisen. In den bildenden Künsten haben sich im Verlaufe des Mittelalters feste Darstellungskonventionen für das Thema herausgebildet, die im 16. Jahrhundert durch Bilderbibeln und Reproduktionsgrafiken verbreitet wurden und jedem Künstler geläufig waren. Dementsprechend gleichen sich die künstlerischen Umsetzungen des Motivs. So weist Martin Mosers Bildfindung viele Gemeinsamkeiten mit berühmten Beispielen wie etwa den Weltgerichten von Rogier van der Weyden (Mitte 15. Jh.), Hans Memling (1466-1473) oder Lucas van Leyden (1525-1527) auf.

Zu den charakteristischen ikonographischen Merkmalen eines Jüngsten Gerichts bzw. Weltgerichts gehört die horizontale Zweiteilung der Bildfläche in eine himmlische bzw. irdische Ebene. In der oberen Bildzone erscheint im Zentrum Christus auf einem Regenbogen sitzend, der als Symbol der göttlichen Herrlichkeit gilt und überdies die Verbindung zwischen Erde und Himmel symbolisiert. Christi präsentiert sich mit nacktem Oberkörper in einem roten Umhang und zeigt seine Wundmale an Händen, Füssen und der Seite, um auf seinen Erlösertod zu verweisen. Seine Füsse ruhen auf der Weltkugel – zum Zeichen, dass er der Herrscher und Richter der Welt ist. Auf diese Funktion deutet auch das Schwert hin, das rechts neben ihm schwebt. Es gilt insbesondere den Verdammten, die Christus mit einem abwehrenden Handgestus Richtung Hölle weist. Die Lilie auf der anderen Seite des Kopfes hingegen ist ein Zeichen der göttlichen Gnade und passt zum Segensgestus, mit dem der Gottessohn die Seligen zu seiner Rechten auszeichnet. Oft sind Christus auch Spruchbänder beigegeben, die die Worte festhalten, die er gemäss dem Matthäus-Evangelium an die Verurteilten richtet. Bei Moser etwa ist passend zur jeweiligen Gruppe auf frühneuhochdeutsch zu lesen: „KUMEND HER IR GEBENEDEITEN IN DAS RICH MINES VAT[ERS] DAS BEREIT IST ÜCH VON ANFANG DER WELT“ bzw. „GOND HIN IR VERMALAD[E]ITEN IN DAS FÜR DER HELL DAS ÜCH UND DEM DÜFELL BEREITT IST IN EWIGKEIT“.

Zu einer klassischen Darstellung gehört auch das Personal, das Martin Moser Christus zur Seite stellt: Die Engel, die mit ihren Posaunen zum Jüngsten Gericht blasen und damit die Toten auferwecken, die zwölf Apostel als Beisitzer des Gerichts und Maria und Johannes der Täufer als Fürbitter der Menschen, die Christus um milde Urteile ersuchen. Zu Füssen Christi steigen in der unteren Bildzone die Auferweckten nackt aus ihren Gräbern. Meist werden sie sogleich von Engeln in Empfang genommen und Richtung Paradies geleitet, oder von Teufeln gefangen und zur Hölle abgeführt.

Ob Martin Moser für seine Bildfindung konkrete Bildvorlagen verwendete, ist heute nicht mehr zu eruieren. Inspirationsquelle waren dem Maler bzw. dem Auftraggeber vielleicht auch das mehrtätige Antichrist- und Weltgerichtsspiel, das 1549 auf dem Weinmarkt in Luzern stattfand – direkt vor der Haustüre der Familie Pfyffer-Cloos. Durch den Bericht des italienischen Gesandten Karls V., der während dieser österlichen Freilichtinszenierung in Luzern weilte, ist eine detaillierte Beschreibung der Aufführung auf uns gekommen. Die Erscheinung Christi beispielsweise schildert Giovanni Angelo Rizio wie folgt: „Alle Akte waren schön, besonders wunderbar fand man, wie plötzlich der Erlöser in der Höhe erschien, über einem weiten Kreis von gedämpftem Grün, Rot und Gelb, getragen von irgendwelchen luftfarbenen Hilfsgestellen. Christus schien nackt zu sein, mit einem sehr feinen karmesinroten Mantel, und er zeigte die Wunden an der Seite, an den Händen und Füssen. Er stand mit beiden Füssen auf einem Ball, der die Weltkugel darstellte, mit weit ausgestreckten Armen. Rechts vor seinem Munde erhob sich eine weisse Lilie mit grünen Blättern und Zweigen, während auf der anderen Seite ein ganz rotes Schwert, kaum sichtbar von zwei Eisen festgehalten, wie schwebend in der Luft hing.“ Diese und andere Stellen zeigen, dass die Szenografie des Weltgerichtsspiels und Martin Mosers Darstellung deutliche Parallelen aufweisen. Wie Johanna Thali ausführt, heisst das aber nicht zwingend, dass Moser die Inszenierung kopiert, schliesslich rekurrieren beide Medien auf die gängige Ikonografie. Allerdings spricht ein kleines, eher weniger geläufiges Requisit in Gemälde und Bericht für eine Abhängigkeit zwischen Mosers Bildfindung und dem Schauspiel: „Die Verdammten aber wurden von der Teufelsschar mit einer dicken eisernen Kette umgeben und in die Hölle geführt.“ Genau so zeigt es auch Moser: Mit einer Eisenkette zu einer dichten Gruppe zusammengefasst, werden die Gefangenen von Teufeln zum Eingang der Hölle gezogen. Die Gestaltung desselben variiert von Künstler zu Künstler. Moser stellt den Eingang als Zinnen bewehrtes Tor dar, das von einem Höllentier bewacht wird. Die züngelnden Flammen deuten das ewige Feuer an, im Innern ist der Höllensturz der Verdammten erkennbar. Bei der Ausformung des Paradieses lässt Moser allerdings Zurückhaltung walten – es ist lediglich durch eine strahlend helle Öffnung im Hintergrund angedeutet. Beide Bildelemente sind durch die starke Beschneidung der Tafel, die links vor allem durch den beschnittenen Heiligenschein und rechts durch den herrenlosen Fuss offensichtlich wird, unvollständig. Die Verkleinerung wurde vermutlich im 18. Jahrhundert vorgenommen, als die drei Gemälde vom damaligen Besitzer der Liegenschaft, Jost Anton Fleckenstein, aus der Kapelle am Weinmarkt entfernt und in sein Landhaus nach Kastanienbaum geschafft wurden. Nichts desto trotz ist „Das Jüngste Gericht“ durch die intensive Farbgebung der Tafel, die fantasievoll gestalteten Teufel, die sorgfältige Gestaltung von Stoffen und Inkarnaten sowie die plastischen Figuren und Wolken das wohl eindrucksvollste Gemälde, das von Martin Moser überliefert ist.

Anne-Christine Strobel