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strahlung aus violett
  • Max Bill
  • strahlung aus violett, 1972

  • Öl auf Leinwand
  • 170 x 170 cm diagonal
  • zweifach signert und datiert verso, mit Filzstift "bill/1972"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 83.18x
  • © 2008, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'972
  • Jahr bis: 1'972
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Das Werk von Max Bill zeigt einen besonderen Bildtypus, den er seit Mitte der 1940er Jahre stets aufs Neue untersucht hat. Es ist das auf die Spitze gestellte Quadrat. Der Künstler nimmt sich damit eines von Piet Mondrian verwendeten Bildformates an. 1956 hält Bill die Faszination am übereck gestellten Quadrat in einem Essay über den de Stijl-Künstler Mondrian fest. Er unterstreicht die Tatsache, dass das derart positionierte Quadrat „als Aussenform eine Aktivität [entwickelt], die sich auf der dahinter liegenden Wand nach den vier horizontalen und vertikalen Richtungen ausbreitet.“ Damit ist gemeint, dass das Bildformat einen Ausschnitt einer viel grösseren Ausdehnung der Fläche zeigt.

In „strahlung aus violett“ dominiert die quadratische violette Fläche, die sich im Zentrum des Bildes befindet. Daran grenzen von jeder Seite gleich breite Streifen, je in vier verschiedenen dunkler werdenden Rottönen. Die vier verbleibenden Dreiecke an der jeweiligen Spitze der Leinwand erscheinen in unterschiedlichen Blautönen. Die Basis dieser Dreiecke entspricht der Länge der zwei aneinander stossenden Streifen. Die violette Fläche ist das grösstmögliche Quadrat innerhalb des übereck gestellten Vierecks. Die Farbe resultiert aus der Mischung vom Rot und dem Blau, die am unteren Rand angrenzen. Oben ist das jeweils dunkelste Rot und Blau. Demgemäss sind die abgestuften Zwischentöne auf der linken und rechten Seite des Quadrats. Diese Entsprechung lassen imaginär eine horizontale und vertikale Linie ziehen, die einen symmetrischen Bildaufbau nachvollziehen lassen. Das Gleichgewicht ist so in keinem Moment gefährdet. Die proportionale und gleichmässige Farbabstufung lässt das Werk vollkommen harmonisch wirken.

Trotz des jeweils systematischen Gestaltungsprinzips Max Bills ist vor allem in den übereck gestellten Leinwänden eine Dynamisierung und eine Art Dreheffekt zu spüren. Diese führen auch über das Format heraus und beziehen die angeschnitten erscheinenden Farbflächen ausserhalb der Leinwand mit ein.

Der Künstler beschäftigt sich intensiv anhand der Verwendung der abgestuften oder durch Schichtung übereinander gelegten Farbflächen mit wahrnehmungstheoretischen Fragestellungen. Die Farbfeldzonen sind mal fein, in Pastelltönen, mal mit harten Kontrasten, wie in diesem Bild, voneinander abgestuft. Auch divergieren die Flächenverhältnisse. Es wird klar, dass die Geometrie zwar zur Hilfe genommen wird, jedoch die Farbwahl und die Flächenaufteilung ästhetischen Entscheidungen unterliegt. Wichtig ist dem Künstler ein nachvollziehbarer Bildaufbau. Dementsprechend unterstreicht Bill 1978 in einem seiner Schriften „konzept und resultat müssen eindeutig sein, doch variabilität zulassen, um vom betrachter empfunden und erfahren werden zu können“.

Das Luzerner Bild reiht sich in eine Gruppe von übereck gestellten quadratischen Leinwänden, die Max Bill anfangs der 1970er Jahre schafft und mit „transcoloration“ betitelt. Trotz den Parallelen, die in Farb- und Formgebung auszumachen sind, geht es Bill in erster Linie nicht um die serielle Herstellung. Vielmehr ist der Künstler, wie schon in frühen Arbeiten bemüht (z.B. in „quinze variations sur un même thème“ von 1935) sich eines Themas anzunehmen und diese durch verschiedene formal-ästhetische Fragestellungen in Variationen zu umkreisen. So steht jedes Werk schliesslich für sich und die innere Bildlogik kann jeweils aufs Neue untersucht werden.

Simona Ciuccio