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cases communiquantes
  • André Thomkins
  • cases communiquantes, 1968

  • Faksimiledruck auf Papier
  • 14.1 x 14.9 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "André Thomkins 1968"; unten links: "cases communiquantes"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 93.50z
  • © 2007, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1,968
  • Jahr bis: 1,968
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Die "Rapportmuster"-Zeichnungen, die Mitte der 1960er Jahre entstehen und sich durch das ganze Schaffen Thomkins' ziehen, gehören zu seinen bekanntesten Werkgruppen. Analog zu den Tapeten- oder Teppichmustern, in die die unterschiedlichsten Formen und Gestalten hineinprojiziert werden können, haben auch die Rapportmuster ein sich ständig wiederholendes Muster oder Motiv. Hier geht Thomkins von einer Grundstruktur aus, bestehend aus regelmässig verlaufenden Linien, die sich auf eine repetitive Weise über die Bildfläche erstrecken. Nach dem gestalterischen Prinzip des "Formularverfahrens" (Thomkins) beginnt er die leeren mit feinen Linien begrenzten Felder räumlich zu füllen. Auf diese Weise generiert er ungeplant neue Bildwelten wie menschliche agierende Wesen, imaginierte, teilweise surreal anmutende Landschaften, "phantastische Wirklichkeiten", Tiere und Pflanzen. Thomkins Interesse an den "Rapportmustern" besteht darin, die Monotonie der immer wieder kehrenden Rapporte neu zu beleben. Die Methode „Felder auszufüllen“ lassen auch an Leonardos Anweisungen, in die Wolken zu blicken und sich von deren Formationen inspirieren zu lassen, denken. Impulse für die "Rapportmuster" erhält der Künstler auch von M. C. Eschers konstruierten Trompe-l'oeil-Muster. Doch im Vergleich zu Eschers Konstruktionen beruhen Thomkins Zeichnungen und Aquarelle auf keinem mathematisch-geometrischen Vorgehen.

In der Lithografie "cases communiquantes" führt der Künstler exemplarisch vor wie er aus einfach konstruierten Grundmustern verblüffende Bildwelten schafft: Eine Frau mit einem Kind an der Seite thront in langem Gewand auf einem Sessel mit hoher Rückenlehne. Ihre Haarpracht ist mit einer Haube verdeckt und lässt an Figuren aus früherer Zeit denken. Aus der Haube entwickelt sich in einem Nachbarfeld ein Radar, später wird daraus eine Wolke. Auch wechseln sich die Landschaftsausschnitte: Wir blicken in eine weite offene Landschaft mit Häusern und einer Windmühle und einem davor angelegten kultivierten Garten, einem Rebberg vielleicht. Im Hintergrund zieht sich eine lang gezogene Bergkette dahin. Rechts neben der Windmühle irritiert das Gerüst eines leicht verzerrten kubusähnlichen Gebildes. Darunter verläuft eine kurvige Strasse, links davon öffnet sich für einen sitzenden Mann in Denkerpose ein Fenster: Der sehnsüchtige Blick auf das Meer. Ausschnittartig zeigt uns Thomkins mit diesem Blatt ein Stück Welt, gesehen und mitgeteilt von verschiedenen Menschentypen. Es sind Landschaftsräume, die er auf kleinmeisterliche Art konstruiert und mit kleinsten Details versieht. Dabei setzt er Gegenwärtiges und Vergangenes nebeneinander. Er zeigt die Idylle und gleichzeitig die Eingriffe durch den zivilisierten Menschen in die Natur. Längst sind nicht alle Felder besetzt, die Ursprünglichkeit des Grundmusters bleibt stellenweise sichtbar: Thomkins lässt Platz offen für die eigene Gedankenwelt, für weitere häusliche Szenen und Verwandlungsmöglichkeiten.

Cornelia Ackermann