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Tränensee
  • Dieter Roth
  • Tränensee, 1972

  • Zeitungspapier, 118 Zeitungen
  • 50 x 23.6 x 16.6 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 94.30:1-2w
  • © Estate of Dieter Roth
  • Jahr von: 1,972
  • Jahr bis: 1,972
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography

Die Arbeit "Tränensee" gehört zu einer Werkgruppe der beginnenden 1970er Jahre, die zwischen Literatur, öffentlicher Intervention und Skulptur/Objektkunst, zwischen Textuellem und Bildhaftem, angesiedelt ist. Das Werk besteht aus 118 aufeinander gestapelten, zwischen dem 17. März 1971 und dem 26. Mai 1972 erschienenen Ausgaben des "Anzeiger der Stadt Luzern und Umgebung", wobei jeweils auf den Werbe- und Inseratenseiten mit "D.R." gekennzeichnete poetische Sätze oder Kürzesttexte von Dieter Roth als "Anzeigen" abgedruckt sind. Das Objekt "Tränensee" ist also – neben der Buchpublikation "Tränenmeer" (1973), das sämtliche 248 von Roth in Zeitungen veröffentlichten Texte isoliert von den herkömmlichen Zeitungsannoncen, in gewissen Auflagen jeweils einer Zeichnung gegenübergestellt, enthält – gewissermassen die Weiterverarbeitung eines literarischen Interventionsprojekts.

Die Texte Roths heben sich durch das jedes Mal wiederkehrende Kürzel mit den Initialen des Künstlers sowie durch ihren teilweise persönlichen, teilweise ironisch den Sinn von Worten hinterfragenden Charakter von den eigentlichen kommerziellen Zeitungsinseraten ab. Gleichermassen fügen sie sich in ihrem bisweilen appellativen Gestus und der scheinbaren inhaltlichen Bezugnahme auf die Werbeparolen in die Anzeigenseiten ziemlich gut ein. Einige Beispiele für derlei Sätze sind folgende: "Wenn auch manches und vieles besteht – das meiste vergeht. D.R." (16. Februar 1972), "Ausgeweint ist ausgeschlafen. D.R." (15. Oktober 1971), "Ein guter Anfang ist ein böses Ende. D.R." (20. Oktober 1971), "Eine Träne ist so böse wie ein gutes Wort. D.R." (22. Oktober 1971), "Wenn auch einer hereinkommt – das ist doch ein Fremder. D.R." (23. Februar 1972). Im wiederholten Aufgreifen von Wörtern wie "Träne", "weinen", "Zeit", "gut" und "böse", "Fremder" verbinden sich die einzelnen Sinnsprüche miteinander zu eigentlichen Themenkomplexen.

Im Jahre 1971 erarbeitet Roth Schmuckentwürfe für die Luzerner Goldschmiede "Langenbacher und Wankmiller" und hält sich aus diesem Grund vermutlich auch in Luzern auf – was erklären könnte, weshalb er für die Inserierung seiner aphoristisch anmutenden Sätze den in einer Auflage von 52000 Exemplaren erscheinenden Luzerner "Anzeiger" wählt. Nachdem Roths Inserate ab September 1971 zwei Mal wöchentlich erscheinen, stellt der Verlag des "Anzeigers" ein knappes halbes Jahr später die Serie wieder ein, da seitens der Leserschaft die Veröffentlichung der "sinnlosen" Texte beanstandet und vermutet wird, die Sätze würden subversive Informationen übermitteln. Die Redaktion des "Anzeigers" lässt darauf verlauten: "Die Texte der letzten Zeit und die in unserem Besitz befindlichen Manuskripte für die kommenden Ausgaben unterscheiden sich in krasser Weise von den ausgesprochen kurzen Wortspielen der vor einem Jahr eingereichten Inserate. In gleichem Masse ist auch die negative Reaktion unserer Leserschaft zahlreicher geworden… Aber Leserreaktion hin oder her, es ist doch so, dass die heutigen Texte ganz einfach für die Öffentlichkeit nicht mehr zumutbar sind." (zitiert nach Peter F. Althaus, 1973.)

In vorliegender Form, als Zeitungsstapel, wird aus dem literarischen Interventionsprojekt ein Kunstobjekt aus gesammeltem Ge- und Verbrauchsmaterial. Damit reiht es sich seinerseits ein in Dieter Roths Sammlungs-Arbeiten wie zum Beispiel "Flacher Abfall" (1975 – 76/1992). Projekte wie diese lassen eine zwiefältige, gewiss kritische Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Kunstbetrieb und dem "System" Museum offensichtlich werden: Einerseits tendiert Roth dazu, sich mit Interventionen wie dem Inseratenprojekt der Musealisierung seiner Arbeiten zu entziehen, andererseits adelt er zwar nicht materialiter, sondern idealiter "Verfallenes"– denn was gibt es Überholteres als die Gratiszeitung vom Vortag – indem er es als Kunstobjekt ausstellt.

Isabel Fluri