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Ambulanzwagen (Studie zum Bourbaki-Panorama)
  • Edouard Castres
  • Ambulanzwagen (Studie zum Bourbaki-Panorama), 1876/1877

  • Öl auf Leinwand, auf Karton
  • 42.8 x 76.4 cm
  • signiert unten links: "E.C."
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 6x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,876
  • Jahr bis: 1,877
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Edouard Castres hat sich bestimmt eine Menge optischer und emotioneller Erinnerungen an jene Februartage im Hochtal von Les Verrières bewahrt und manche Skizze aus dem Krieg mitgebracht. Vieles davon war bereits in Bildern festgehalten, bevor er den Auftrag zum Panorama bekam. Waren es doch gerade jene eindrücklichen Darstellungen mit Themen aus dem Deutsch-Französischen Krieges, die ihn bekannt gemacht und ihm schliesslich den Auftrag für das Rundbild eingebracht haben. Sie bilden ein Reservoir, aus dem sich für die Grossinszenierung auf dem Rundbild vieles schöpfen liess. Um jedoch das historische Ereignis als Ganzes darstellen zu können, musste er sie durch das exakte Studium der Situation ergänzen. So entstanden neben kleinen Ölskizzen von einzelnen Figuren in verschiedenen Uniformen, Pferden oder Pferdewagen allmählich auch grössere, im Hinblick auf das Panoramabild konstruierte Teilszenen.

Nach dem Erfolg seiner ersten „Ambulance dans la neige“ am Pariser Salon (1872) hat Castres das Motiv wiederholt neu aufgenommen. Die Luzerner Studie zeigt das Sanitätsfuhrwerk, mit dem Edouard Castres in jenen kalten Wintertagen des Jahres 1870/71 unterwegs war. Der Künstler, mit einer Rot-Kreuz Armbinde als Sanitäter ausgewiesen, begleitet den einachsigen Planwagen zu Fuss. Das Gefährt führt von rechts hinten diagonal durchs Bild nach vorne. Zuvorderst geht ein kindlicher Pferdeführen, der den eingespannten Schimmel mit seiner Linken am Halfter hält und rechts sein Peitschchen schultert. Diese Figur findet sich auch auf anderen Ambulanzbildern des Künstlers. Sein kompositorisches Gegengewicht bildet eine Gruppe von fünf Soldaten die sich am hinteren Ende des Wagens eingliedern. Das Pferd trägt einen erschöpften Soldaten. Er ist gekleidet in der typischen Uniform der Franzosen: Hose, Mütze und Epauletten in warmem Rot, eine farbliche Akzentuierung, die in der Fünfergruppe hinter dem Gefährt ihr Echo findet. Auf dem Kutschbock sitzt müde ein Unteroffizier in einen dunklen Kapuzenmantel gehüllt. Rechts neben ihm, exakt in der Mitte des Bildes, ist das Fuhrwerk mit der Fahne des roten Kreuzes gekennzeichnet. Wie sein Lehrmeister Barthélemy Menn legt auch Edouard Castres grossen Wert auf die Ausgewogenheit seiner Kompositionen.

Auf der Szene lastet eine stille Müdigkeit. Die Diagonalbewegung wird zwar betont, aber gleichzeitig auch beruhigt und verwurzelt in den schmutzig getretenen Wegspuren im Schnee. Sie erzählen von hunderten von Rädern, Füssen und Hufen und lassen erahnen, dass dieses Gefährt nur Teil eines grösseren Geschehens ist. Im Panorama finden wir sie dann – nur geringfügig verändert – eingebettet in die Menschenmassen, die hinter dem Bahndamm über die Grenze strömen. Eine knappe Vorstellung dieser Bildumgebung ist auf der Studie bereits mit feinen Bleistiftkonturen im weissen Bildgrund angetönt.

Brigit Kämpfen-Klapproth