deutschenglisch
Selbstporträt (9. Bildtuch)
  • Rolf Winnewisser
  • Selbstporträt (9. Bildtuch), 1988

  • Acryl auf Baumwolle
  • 186 x 260 x 2.5 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "Rolf Winnewisser 88"
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung des Kantons Luzern
  • © Rolf Winnewisser
  • Jahr von: 1'988
  • Jahr bis: 1'988
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Das Selbstporträt von Rolf Winnewisser entsteht während seiner Londoner Zeit von 1987-1988. Es ist das neunte Bildtuch einer 23-teiligen Serie von grossformatigen Gemälden auf Baumwolle, die 1990 unter dem Titel «See a blob split a blank spot» (frei übersetzt: Schau, ein Klecks hat eine leere Stelle getrennt) im Kunstmuseum Luzern ausgestellt wird. Im dazugehörigen Ausstellungskatalog hat Winnewisser, der neben dem Bild schon immer auch am Wort interessiert war, zu den einzelnen Bildtüchern kurze Texte geschrieben; teils einfach und verständlich, teils poetisch und hermetisch. Vom neunten Bildtuch erfahren wir den Entstehungsprozess: «Das als zweiteilig begonnene, in eine rote und in eine blaue Hälfe unterteilte, die Mitte betonende Bild. […] Die übergreifenden Flächen. Der Zustand der Trennung fügt sich zu einer Einheit mit dem fehlenden Dritten.» Nach und nach kommen die verschiedenen Elemente hinzu: Ein Torso, ein Schiffsbug, das Wort «Kairos», ein Liniennetz und eine totemähnliche Schnittfigur. Die weisse Rhombusfläche bleibt offen. Winnewisser glaubt, das Bild abgeschlossen zu haben, doch «nach einigen Wochen zeigt sich, dass das Bild fade geworden ist.» Er beginnt, wild Farbe aufzutragen, lässt eine Herz- und eine zweite Karoform entstehen («Das Spiel der Karten. Herz & Ecke») und übermalt das ganze, so wie es begonnen hat, mit einem Cobalt-Crimson-Gemisch. «Seltsamer Vorgang: durch diese letzte graue Schicht hervorgelockt kommt die erste Malschicht erneut zum Vorschein. Sie hat sich unter den Überschichtungen herausgelöst. Was verschwunden schien, bringt die letzte Malschicht zum Erscheinen.» Ein Kreis scheint sich zu schliessen – das Bild ist fertig.
Das intuitiv nicht zugängliche Verhältnis von Titel und Bild, öffnet genauso eine Leerstelle, wie der weisse Rhombus im Bild oder der «blank spot» im Ausstellungstitel Leere vermitteln. Dies erhärtet den Verdacht, dass die Lücke und die Unterbrechung von etwas Zusammen-hängendem – die Aufsplitterung – das eigentliche Thema ist. Davon ausgehend öffnen sich verschiedene Lesarten des Bildes: Die einzelnen Elemente könnten spezielle auto-biografische Reminiszenzen sein, die ursprüngliche Idee der im fehlenden Dritten sich zusammenfügende Trennung könnte metaphorisch für die moderne Dekonstruktion der Identität stehen und der letzte Akt – das an den Anfang zurückversetzende Übermalen – steht womöglich sinnbildlich für ein zyklisches Selbst- und Weltverständnis von Winne-wisser. Jedoch liegt die Beschränkung auf eine Lesart nicht im Sinne des Künstlers, der immer am Spektrum der Möglichkeiten interessiert ist. Insofern überrascht es nicht, dass er ein mit Selbstporträt betiteltes Bild nicht auf etwas eindeutig Gegebenes (das traditionelle Selbstporträt) reduziert, sondern als ein vielfach Aufgesplittertes präsentiert. Jan Miotti