deutschenglish
Bezauberter Knabe
  • Ferdinand Hodler
  • Bezauberter Knabe, um 1905

  • Öl auf Leinwand
  • 50 x 32 cm
  • Kunstmuseum Luzern, Schenkung Monika Widmer
  • Jahr von: 1,905
  • Jahr bis: 1,905
Description
Provenance

Das Motiv des Knaben durchzieht das gesamte Schaffen von Ferdinand Hodler. 1874 stellt sich der damals noch bei Bartelemy Menn lernende 21-Jährige selbst im Atelier dar. Das Bild ist zwar in rea¬listischer Manier gemalt, wird aber durch den strengen, schwarzen Anzug, den der junge Künstler trägt, und die Se¬gens¬¬geste seiner rechten Hand symbolisch aufgeladen. Ein Jahrzehnt später steht im gleichna¬mi¬gen Bild ein nack¬ter Jüngling mit sehnsuchtsvoll nach vorn gestreckten Armen im Zwiegespräch mit der Natur. Anfang der 1890er-Jahre taucht der Knabe mit Pagenschnitt, kurzen Hosen und Trägerhemd kniend in den verschiedenen Vari¬anten des Gemäldes «Anbetung» auf, der dann in derselben Periode stehend den Protago¬nisten für das erstmals «Bezauberter Knabe» betitelte Werk abgibt: Er steht im leich¬ten Ausfallschritt auf einer mit zarten, blauen Blumen bewachsenen Wiese und hält in jeder Hand eine lang¬stie-lige Blume. Seine Arme liegen eng am Körper, so dass sich nicht entscheiden lässt, ob er die Blumen mit ausgestreckten Unterarmen vor sich hält oder die Arme am Körper herunterhängen. Diese Ambivalenz von Stehen und Schreiten, Fläche und Raum gibt der Figur neben dem Knaben¬alter ihren schwebenden, androgynen Charakter. Das ist kein Junge, der im nächsten Mo¬ment losrennt, spielt und tobt, sondern – wie die Figuren von vergleich¬baren Gemälden aus dieser Schaffensphase des Künstlers – der «Ministrant einer diessei¬tigen Religion; die Form ihrer Meditation ist die Versenkung in die Natur» .
Der symbolistische Künstler schuf mehrere Versionen dieses für ihn zentralen Motivs des Blu-men haltenden Knaben in Land¬schaft; das 2016 dem Kunstmuseum vermachte Werk in¬ten¬-siviert Hodler gegenüber der Ver¬sion von 1894 dadurch, dass er die Darstellung farblich und formal reduziert, den Raum noch mehr in die Fläche bindet und die Grasnarbe die Figur wie eine Aura einfassen lässt. So wird aus dem einfachen Knaben endgültig ein überirdischer Bote – verwandt nurmehr dem Erzengel Gabriel, der bei der Verkündigung an die Jungfrau Maria ebenfalls eine langstielige Blume in der Hand hält und ebenso geschlechtslos ist. Heinz Stahlhut