deutschenglish
Finger im Buch
  • Rémy Markowitsch
  • Finger im Buch, 1995

  • RC-Print, hinter Acrylglas, zweiteilig, Auflage: 1/12
  • je 50 x 68 cm
  • signiert und nummeriert verso, mit schwarzem Filzstift (Teil 1): "R. Markowitsch, 1995/1/ 12 'FINGER IM BUCH'"; unten links, mit schwarzem Filzstift (Teil 2): "R. Markowitsch, 1995/1/12"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 96.58:1-2z
  • © Rémy Markowitsch
  • Jahr von: 1,995
  • Jahr bis: 1,995
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Rémy Markowitschs Installation „Finger im Buch“ von 1995 besteht aus zwei Fotografien, die er anlässlich der gleichnamigen monografischen Ausstellung im Kunstmuseum Luzern 1996 auf eine himmelblaue Wand montierte. Dieser erste Museumsauftritt des Schweizer Künstlers konnte im Rahmen des Manor-Kunstpreises der Zentralschweiz realisiert werden; die Fotoinstallation wurde zugleich als Edition in kleiner Auflage herausgegeben. Die beiden, sich in einer Ecke berührenden Bilder der Arbeit „Finger im Buch“ zeigen den durch die Tonsur zu erkennenden Kopf eines Mönches und dessen Hand. Diese hält ein Buch, der Kopf ist jedoch abgewandt; der Mönch ist ganz vertieft in den Duft der blühenden Rosen, in die er seine Nase steckt. Doch auch wenn er in diesem kurzen Moment mit dem Lesen innehält, abschweift von der – vielleicht geistlichen – Literatur und sich vom Duft der Blumen verführen lässt, der Finger bleibt im Buch, liegt zwischen den aufgeschlagenen Seiten und sichert die Möglichkeit, jederzeit zur Lektüre zurückkehren zu können.

Die künstlerische Arbeit „Finger im Buch“ zeugt von Rémy Markowitschs Interesse an zufällig gefundenen Bildern, von seiner Faszination für – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – Prozesse der Durchleuchtung und von der wiederkehrenden Beschäftigung mit dem Themenkomplex der Lektüre und des Lesens. Die Installation zeigt zwei Ausschnitte aus einem Gemälde des deutschen Malers Carl Spitzweg (1808–1885), der sich mit Vorliebe romantischen Motiven widmete. Das kleinformatige Ölbild „Mönch mit Rose“ (um 1850) ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen, Markowitsch bedient sich für diese Arbeit einer gefundenen Reproduktion aus den 1920er Jahren, die er von der Rückseite her fotografierte. Durch dieses Verfahren der fotografischen Durchleuchtung entsteht die spiegelverkehrte, blassfarbene Abbildung des ursprünglichen Motivs. Die vom Künstler gewählten und vergrösserten Bildausschnitte akzentuieren den bereits im Original angelegten Gegensatz von Lektüre und duftender Blume, von geistigem Studium und sinnlicher Zerstreuung. Ähnlich wie das 2001 begonnene „Bibliotherapy“-Projekt (Vgl. KML 2003.9v, 2003.11-13v) thematisiert letztlich auch der im Lesen innehaltende Mönch die Lektüre und die Literatur als wesentliche Elemente einer kulturellen Identität.

Gioia Dal Molin