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Femme au châle noir
  • Félix Vallotton
  • Femme au châle noir, 1909

  • Öl auf Leinwand
  • 81 x 65.5 cm
  • signiert und datiert unten links: "F. VALLOTON . 09"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 27x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'909
  • Jahr bis: 1'909
Werkbeschrieb
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Die Malerei von Félix Vallotton hat bis heute ihre Faszination bewahrt. Dabei halten sich Begeisterung und Irritation die Waage. Die Porträts sind Persönlichkeitsstudien von ebenso messerscharfer Beobachtung wie kühler Distanziertheit. Die Landschaften sind sowohl beeindruckende Stimmungsräume als auch dekorative, nahezu plakative Bilder von fast gänzlicher Ereignislosigkeit. Die Stillleben verblüffen durch ihre Sachlichkeit: Vallotton fokussiert Dinge, die eigentlich völlig belanglos sind, als wären sie der Schlüssel zum Verständnis existenzieller Handlungen.

Das Gemälde „Femme au châle noir“, das die Bernhard Eglin-Stiftung 1935 angekauft hat, ist ein typisches Porträt einer rätselhaften, in sich ruhenden Frau. Die Identität der Dargestellten ist nicht bekannt. Es handelt sich um eines der zahlreichen professionellen Modelle, die der Künstler für seine Akte engagierte, aber auch für jene spezielle Gattung von Halbfigurenporträts posieren liess – vor einer neutralen Wand stehend oder sitzend, mit einem den Körper mehr oder weniger umhüllenden Stoff bekleidet. Neben Kopf- und Halstüchern aus durchsichtigem Voile liebte er vor allem farbige und bestickte Umhänge. Diese Stoffe sind ein wesentlicher Teil der Bildidee und bisweilen Bestandteil des Titels. Sowohl „Le châle blanc“ von 1911 (Privatsammlung Schweiz), die „Femme au châle bleu“ von 1911 (Standort unbekannt) wie die Luzerner „Femme au châle noir“ aus dem Jahr 1909 gehören in diese Kategorie. Vallottons Atelier muss einer Requisitenkammer geglichen haben, erscheinen doch verschiedene Kleidungsstücke und Gegenstände in mehreren Bildern. So ist der schwarze Schal mit den typischen Blumenstickereien, die auf dem Luzerner Bild einen feinen, aber prägnanten Farbakzent setzen, auf weiteren Gemälden wieder zu erkennen, beispielsweise im Jahr vorher entstandenen Gemälde „Espagnole au châle“ (Privatsammlung Schweiz). Vallotton selbst hielt in seinem Livre de raison, dem Werkverzeichnis der Gemälde, das er 1885 minutiös zu führen begann, eine sachliche Beschreibung des Bildes fest: „Figure de femme brune, de profil châle noir a fleurs, la main sur la poitrine. fond gris (T. 25)“.

Das Modell zeigt sich im Luzerner Bild von der Seite, fast im Profil. Die Augen sind soweit gesenkt, dass unklar bleibt, ob die Dargestellte etwas in den Blick genommen hat oder ob sie vielmehr nach Innen gekehrt ist. Das leicht angespannte Gesicht, aber auch die Körperhaltung vermitteln eine gewisse Konzentration. Locker drückt die Frau den Umhang mit ihrer Hand an den Körper. Die Hand ist neben dem Kopf das einzige, was vom verhüllten Körper zu sehen ist. Auf dem Stoff wirkt sie exponiert. Die Frau scheint sich dem Blick der Betrachtenden zu entziehen, als ob sie sich bewusst wäre, dass sie in diesem Moment beobachtet wird. Von ihrem Körper gibt sie ebenso wenig preis wie von ihrer Person, sie bleibt geheimnisvoll und unnahbar. Das schützende Tuch ist in seiner minimalen Farbigkeit ein starker visueller Reiz. Und so wirft sich der Maler mit Verve auf die Wiedergabe des Stoffes und breitet diesen vor unseren Augen aus.

Christoph Lichtin