deutschenglish
Blumenschale
  • Hans Emmenegger
  • Blumenschale, 1924

  • Öl auf Leinwand
  • 36.3 x 60.1 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "HANS EMMENEGGER. 1924."
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 94.158x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,924
  • Jahr bis: 1,924
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

"Die religiöse und die Historienmalerei sind in dem Masse allmählich erschlafft, in dem die Theokratie und die Monarchie, auf die sie sich bezogen, als gesellschaftliche Träger erschlafften. Nachdem sie heute fast vollständig beseitigt sind, haben das Genrebild, die Landschaft, das Porträt, welche dem Individualismus entsprechen, bald die absolute Vorherrschaft errungen; in der Kunst wie in der Gesellschaft wird der Mensch immer mehr Mensch."

Obwohl der einflussreiche, französische Kunstkritiker Jules-Antoine Castagnary (1830–1888) in seiner Aufzählung das Stillleben nicht ausdrücklich erwähnt, darf man es getrost in die Reihe jener Gattungen aufnehmen, die mit der Krise der Historienmalerei und der Entstehung eines bürgerlichen Kunstmarktes ihre Emanzipation aus der akademischen Gattungshierarchie und einen enormen Bedeutungszuwachs erfuhren. Die unspektakulären Bildgegenstände lenkten – anders als die Sujets der Historienmalerei oder des Porträts – nicht von Farbe und Malprozess als dem Eigentlichen einer Kunst ab, die ihre Autonomie immer weiter vorantrieb. Denn, wie es der deutsche Impressionist Max Liebermann (1847–1935) 1922 formulierte: Der "spezifisch malerische Gehalt eines Bildes ist um so grösser, je geringer das Interesse an seinem Gegenstande selber ist; je restloser der Inhalt eines Bildes in malerischer Form aufgegangen ist, desto grösser ist der Maler." Der unbedeutende Gegenstand, der nach akademischer Auffassung das grosse Manko der Stilllebens war, liess e s in der Moderne zur revolutionären Gattung werden.

Diese Sprengkraft des Stilllebens lässt sich auch noch an den Werken Hans Emmeneggers ablesen. Das Stillleben mit der Blumenschale ist zugleich subtile Peinture und kühles Registrieren eines Gegenstandes im Stile der Neuen Sachlichkeit. Der Hintergrund des Bildes erinnert mit seiner allmählichen Raumbildung einzig durch die Farbmodulation mit kleinen Pinselschlägen in hellem Ocker über Weiss zu Gelb, das als Reflexion der Blumenschale erscheint, an die früher entstandenen Schneelandschaften.
Die Konzentration auf die einfache, leere Blumenschale verleiht dieser trotz des kleinen Bildformates ein ungeheuere Monumentalität. Der alltägliche Gegenstand wird dadurch mit einer ungewohnten Bedeutung aufgeladen, die rational letztlich nicht erklärbar ist. Dieser Widerspruch zwischen der Alltäglichkeit der dargestellten Gegenstände und ihrer subtilen Aufladung durch die Bildkomposition kennzeichnet zahlreiche Stillleben Hans Emmeneggers.

Wenngleich im Stilllebenschaffen des Künstlers eine Wandlung von der farblichen Finesse des Divisionismus zur nüchternen, neusachlichen Formgewissheit zu bemerken ist, so bleibt doch hinsichtlich seiner bewusst einfachen Sujets grundsätzlich gültig, was der eingangs zitierte Max Liebermann zum modernen Stillleben feststellte: „Der Satz, dass die gutgemalte Rübe besser sei als die schlechtgemalte Madonna, gehört zum Grundbestand der modernen Ästhetik. Aber der Satz ist falsch; er müsste lauten: Die gutgemalte Rübe ist ebenso gut wie die gutgemalte Madonna.“

Heinz Stahlhut