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Zwei Italienerinnen
  • Léopold Robert
  • Zwei Italienerinnen, 1821

  • Öl auf Leinwand
  • 47 x 37 cm
  • signiert unten links: "L. Robert Roma 1821"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 48x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'821
  • Jahr bis: 1'821
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Eine Reise nach Neapel im Frühjahr 1821 bringt eine motivische Bereicherung in Léopold Roberts Genredarstellungen. Robert ist einer der ersten Maler, der nicht nur die südliche Landschaft, sondern auch ihre Bewohner als darstellenswert empfindet. In einfachen, von der modernen Zivilisation unverdorbenen Bauern glaubt er die Urenkel der antiken Römer vor sich zu haben, die noch Spuren der Schönheit jener vergangenen Tage in sich tragen. Der Wunsch, diese Genealogie zu beweisen, führt zu einer eigenen und programmatisch zu nennenden Verbindung von Christentum mit archaischem Glauben.

Das vorliegende Ölgemälde ist während dieser Neapelreise entstanden. Die lärmige Stadt missfällt dem Maler zunächst und er vermisst die römische Würde und den Stolz. Gemeinsam mit einem schwedischen Baron besteigt er den Vesuv, den er auch im vorliegenden Bild im Hintergrund wiedergibt.

Dem Motiv der jungen Mädchen bleibt Robert während seines ganzen Romaufenthalts treu. Bei der vorliegenden Mädchendarstellung handelt es sich um eine der ersten. Dicht zusammengerückt, so dass sie von einem schmalen Rechteck umschlossen werden könnten, schreiten die zwei jungen Frauen am Golf von Neapel nebeneinander her. Die Gesichter haben sie einander zugewandt, der Blick der hinteren Figur ruht allerdings nicht auf ihrem Gegenüber, sondern geht nach oben, ohne dabei etwas Bestimmtes zu fixieren. Die Gesichter entsprechen einem Typus: sie sind länglich und edel, geprägt von einem leicht melancholischen Gesichtsausdruck. Roberts Absicht, in den einfachen Landbewohnern ihre antiken Vorfahren durchschimmern zu lassen, wird deutlich. Das Hauptinteresse des Malers liegt im Folkloristischen, wo sich unbewusst die Erinnerung an die Vergangenheit erhalten habe und wo sich dementsprechend Christentum mit heidnischem Glauben kreuzt (beispielhaft verwirklicht in "Le Retour du pèlerinage à la Madone de l'Arc", 1822). Die Öl- oder Buchsbaumzweige verweisen hier auf den "Dies Palmarum", den Palmsonntag, während die Trauben und das Weinlaub, mit denen die Mädchen bekränzt sind, sowie das Tamburin Bachantenzügen und dionysischen Feierlichkeiten entlehnt sind. Die Kostüme, die liebevoll detailliert wiedergegeben sind, erstrahlen in Roberts bevorzugten Farbdreiklang Rot, Weiss und Dunkelblau. In diesem frühen Werk Roberts spürt man noch deutlich "die Pose des Ateliers und das krampfhafte Suchen nach einer ausgewogenen Komposition" (Georges B. Ségal). Armhaltung und Schrittmotiv sind an einer vertikalen, durch die Mitte des Bildes gehenden Achse gespiegelt, wodurch dem Paar etwas Steifes und Konstruiertes anhaftet. Der Weg, auf dem sie einherschreiten, bildet eine schmale Bühne, hinter der inmitten der gebirgigen, südlichen Landschaft der rauchende Vesuv in die Höhe ragt. Dabei verwendet Robert Studien, die er während seines Neapelaufenthaltes angefertigt hat und die fortan den Hintergrund vieler Figurenkompositionen bilden. Hier ist die Umgebung samt Himmel jedoch ganz in schmutzigen Braun- und Gelbtönen gehalten, was der Attraktivität des Gemäldes nicht sonderlich zuträglich ist.

Der Farbauftrag Roberts ist präzise und trocken und erinnert an den klassizistischen Lehrer Jacques-Louis David. Eine kleine, summarische Kostümstudie in Bleistift geht dem Gemälde voraus und dürfte vor Ort entstanden sein. Ein vergleichbares Bild, das mit "Dies Palmarum" bezeichnet wird, datiert zwei Jahre später und befindet sich im Kunstmuseum Basel.

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