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Selbstbildnis
  • Cuno Amiet
  • Selbstbildnis, 1920

  • Öl auf Leinwand
  • 45.8 x 38 cm
  • signiert und datiert unten rechts: "CA 20"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Bern
  • Inv.-Nr. D 1x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,920
  • Jahr bis: 1,920
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Mit rund 200 Selbstbildnissen gehört Cuno Amiet zu den schöpferischsten Selbstporträtisten des Jahrhunderts. Immer wieder hat sich der Maler zwischen dem 15. und dem 93. Lebensjahr mit seinem eigenen Spiegelbild auseinandergesetzt. Da viele der Werke den Künstler als stolze und starke Persönlichkeit zeigen – bisweilen gibt er sich sogar in einer leichten Untersicht wider und zwingt den Betrachter somit, zum Dargestellten aufzuschauen –, drängen sich Fragen nach der Selbsteinschätzung Amiets auf. Besonders während Zeiten der Unsicherheit, als das Bedürfnis nach Selbstbefragung und -behauptung besonders gross gewesen sein mag, hat Amiet viele Selbstporträts geschaffen. Allerdings liegt ihm nicht daran, den Betrachter am Innenleben teilhaben zu lassen, denn der Gesichtsausdruck ist meist nüchtern, neutral und ohne Pathos oder Leidenschaft. Eine tiefschürfende, psychologische Auseinandersetzung mit sich selbst ist also weniger Anlass für Amiets Porträtreihe, als vielmehr der Wunsch, sich durch die Beschränkung auf ein Motiv auf die Vielfalt der Darstellungsformen – Linie, Farbe, Textur, Format, Figur und Hintergrund – konzentrieren zu können. Experimentierfreude beweist Amiet daher nicht in Mimik und Ausdruck, sondern in formalen Dingen.

Das vorliegende Porträt ist in einer Zeit entstanden, die ihm endlich, nach längerer Phase des Misserfolgs, allgemeine Aufmerksamkeit und offizielle Anerkennung brachte. Der Maler, dem im Jahr zuvor der Ehrendoktor verliehen worden ist, wirkt im Bild selbstsicher und entschlossen. Die Augenbrauen leicht zusammengezogen und den Mund fest verschlossen blickt er ernst zum Betrachter hin. Ein warmes, kräftiges Orange, durchsetzt mit den kalten Farbtönen von Flieder und Türkis, bestimmen das Inkarnat. Dieselbe Farbkombination wiederholt sich in vergröberter Struktur auf dem Jackett. Auch im Hintergrund findet der Dreiklang Orange-Violett-Blau Anwendung, wenn auch in anderer Gewichtung. Die Malerei mit Komplementärkontrasten hat Amiet in Werken des von ihm bewunderten Vincent van Gogh kennen gelernt. Bereits während seines Aufenthalts in der Bretagne schreibt er in einem Brief: "Man kann in der Natur anschauen, was man will, so gibt es immer nur eine Farbe, die über alle anderen dominiert, und alle andern Farben richten sich nach der ersteren. Wenn zum Beispiel Rot die dominierende ist, so werden alle übrigen ins Grünliche stechen…".

Auch der Pinselduktus erinnert an die französischen Vorbilder, mit denen er während seines Aufenthalts in Pont-Aven in Kontakt gekommen ist. Mittels kurzer, gleichgerichteter Pinselstriche und farbiger Abschattierungen wird das Gesicht plastisch herausgearbeitet. Es handelt sich um eine freie Abwandlung von Georges Seurats neo-impressionistischer Technik, bei der die Farbtöne nicht auf der Palette gemischt werden, sondern als reine Farben nebeneinander auf die Leinwand aufgetragen werden. Die beabsichtigte Färbung kommt erst durch optische Mischung im Auge des Betrachters zustande und wirkt so frischer als eine Mischfarbe. Auch wenn sich Amiets Pinselfaktur in den verschiedenen Entwicklungsphasen erheblich wandelt, bleibt eines seiner Anliegen konstant: Jenes nach einer lebensfrohen und leuchtenden Farbigkeit.

Regine Fluor-Bürgi