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Eichwald
  • Robert Zünd
  • Eichwald, 1859

  • Öl auf Leinwand
  • 77.7 x 104.2 cm
  • signiert unten rechts: "R. Zünd"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 87x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,859
  • Jahr bis: 1,859
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Im Gesamtwerk Robert Zünds nimmt das Motiv des Waldes einen herausragenden Platz ein. Schon in seiner Ausbildung zum Landschaftsmaler bei Alexandre Calame (1810–1864) kopiert er die Werke des Lehrers, vor allem seine Baumstudien. Früh schon erreicht Zünd eine zeichnerische Detailgenauigkeit auch in seinen Gemälden. Seine Behandlung des Blattwerks hat Zeitgenossen ebenso verblüfft wie sie heutige Betrachter noch zu faszinieren vermag. Wenn das Blattwerk in Zünds Kompositgemälden noch Bestandteil der Bildkomposition ist, wird es in den Eichwäldern zum einzigen Bildmotiv. Eine Serie von kleinen Ölstudien beweist, wie der Maler die Bildkomposition reduziert und revolutioniert. Dabei spielt nicht nur der Einsatz von Staffagefiguren eine Rolle, sondern auch die Behandlung des Tiefenraumes. Es lässt sich verfolgen, wie er in gewissen Studien Staffagefiguren, zum Beispiel eine Rehgruppe oder eine Frau mit Kind, in seiner typischen Manier ins Bild setzt, nämlich proportional verkleinert und beschattet.

Das Gemälde „Eichwald“, das sich in der Sammlung des Kunstmuseums Luzern befindet, nimmt dabei eine Sonderstellung ein. Im Format kleiner als der „Eichenwald“ von 1882 (Kunsthaus Zürich) und neben einer weiteren Fassung des gleichen, praktisch bis ins Detail identischen Motivs, ist das Luzerner Exemplar durch die handschriftliche, unbestreitbar vom Maler selbst vorgenommene Datierung auf dem Keilrahmen auf „8. Aug 59“ die wohl frühste Fassung. Im Jahre 1859 begibt sich der zweiunddreissigjährige Zünd auf seine zweite Parisreise und scheint auf einem ersten Höhepunkt seines Schaffens angelangt. Zünds Biograf Jules Coulin bezeichnete das Bild als „Studie“. Auch in seinem 1882 für die NZZ verfassten „bescheidenen Kunstreischen“ beschreibt Gottfried Keller Zünds „Eichenwald“ (Kunsthaus Zürich) als „nichts anderes als die vergrösserte Kopie einer bis zum letzten Strich nach der Natur gemalten Studie“. Wie der Bericht des Zürcher Schriftstellers erahnen lässt, dürfte Zünd deshalb den Luzerner „Eichwald“ lange Zeit nicht öffentlich gezeigt haben. Seine „Studien“ – auch vollständig ausgeführte Gemälde in kleinerem Format – hat Zünd „sorglich gehütet“ und waren nicht für den Verkauf bestimmt. Anders der 1881 Keller noch unvollendet vor Augen geführte „Eichenwald“, den Zünd als Schaustück an der Schweizerische Landesausstellung in Zürich 1883 präsentierte und der später in zahlreichen Illustrierten zu gewisser Berühmtheit gelangen sollte.

Dem „Eichwald“ liegt im Vergleich zu den Kompositgemälden Zünds ein anderes Bildprinzip zu Grunde. Der mächtige Eichenstamm an der rechten Bildkante markiert die vorderste Bildebene. Die Tiefe des Bildraums verklammert sich zwischen Stamm und dem hellblauen Himmel, der einen planen Abschluss bildet. Betrachtet man den „Eichenwald“ in der Schwarzweiss-Reproduktion (wie er anno 1883 zur Zürcher Landesausstellung publiziert war, was offenbar zur Verwechslung mit einer Fotografie führte) lässt sich der Effekt eines Naturausschnitts ausmachen, der von weitem durch ein Teleobjektiv gesehen wird und den Raum zur Fläche macht.

Vor dem Original lässt sich feststellen, dass die Entstehung der Raumtiefe rein koloristischer Natur ist. Die historisch begründbare Konkurrenzierung mit der Fotografie seiner Zeit mag auf der Hand liegen, jedoch ist sie nicht das eigentlich Aktuelle an diesem Bild. Wie bei Werken des Österreichers Ferdinand Georg Waldmüller tritt auch bei den „Eichwäldern“ der statische Naturalismus präziser Nahsichtigkeit auf – ein Relikt des Biedermeier – und verbindet sich mit der optischen Lebendigkeit einer Freilichtmalerei. Dies ohne jedoch so weit zu gehen, die farbige Atmosphäre der späteren Impressionisten vorwegzunehmen und dadurch persönlich zu werden. Mit Hilfe eines „Beleuchtungslichtes“ erreichen beide die Registrierung einer Dingwelt, die mit dem „daguerreotypischen“, d.h. fotografischen Sehen in Konkurrenz tritt und eine Ausschnitthaftigkeit propagiert. Wie zeitgenössische Gegner Waldmüller diese Schärfe des Sehens vorwarfen, musste auch Zünd eine ähnlich gelagerte Kritik von Böcklin hinnehmen. „Es ist“, so Böcklin, „künstlerisch betrachtet, ein Fehler, wenn Zünd seinen ‚Eichwald’ bis ins Kleinste ausmalt und durcharbeitet. Das gerade ist sein Kardinalfehler. Das Bild ist nicht malerisch empfunden, nicht gross aufgefasst. Man sieht den Wald vor lauter – Blättern nicht. Man hat nicht das Gefühl, dass man im Walde ist, man sieht nur, dass da ein Wald gewissenhaft bis ins Kleinste abgemalt worden ist. Aber das gibt mir schliesslich eine gleich grosse Photographie noch viel, viel besser; sie liefert mir mit Haarschärfe alle Details. (...)“

Noch heute fasziniert die meisterhafte Ausführung des Werks unser Auge und fordert unsern Geist. Das Geheimnis scheint nicht gelüftet, wie Zünd drei gleichartige Gemälde so detailgetreu herstellen konnte. Bleistiftmarkierungen an den Spannrändern weisen auf eine Quadratur hin, die jedoch nicht über die Bildfläche gezogen wurde. Im Gegensatz zum „Buchenwald“ besitzt der „Eichwald“ auch keine Vorzeichnung, doch darf angenommen werden, dass Zünd mit Hilfe einer Pause das Motiv auf die Leinwand kopiert hat.

Susanne Neubauer