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Femme au gant blanc
  • Alice Bailly
  • Femme au gant blanc, 1922

  • Öl auf Leinwand
  • 55.5 x 46.5 cm
  • signiert unten rechts: "Alice Bailly"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Bern
  • Inv.-Nr. D 62x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'922
  • Jahr bis: 1'922
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Das 1922 in Paris entstandene Werk gehört zu einer Reihe von Portraits, in welchen Alice Bailly ihren Freundeskreis festhielt. Bei der Protagonistin dieses Brustbildes handelt es sich um Marguerite Budry, die Frau des Waadtländer Schriftstellers und Kunstkritikers, Paul Budry.

Die Figur ragt in einer von der Vertikalen etwas nach rechts abgedrehten Achse ins Bild hinein. Oberkörper, Kopf und Blick der Figur sind zum Betrachter gerichtet, ihre linke Hand ist zur Brust erhoben. Ebenfalls im linken Bereich des Hintergrundes befindet sich ein mit zwei Türmen versehenes kirchenähnliches Gebäude. Mme Budry wird in städtischer Kleidung präsentiert. Ihr schwarzer Mantel mit Pelzkragen, Hut und Handschuh lassen eine kühle Jahreszeit erahnen, welche durch die sanften aber stumpfen grau-rosa Töne noch verdeutlicht wird. Der helle rosarote Streifen des Horizontes, evoziert das Zwielicht von Morgen- oder Abenddämmerung. Am meisten tritt das Gesicht durch die gezielte Lichtführung in den Vordergrund. Dessen Ausdruck ist verträumt melancholisch. Der entrückte Blick der Figur wird durch die Oberflächenstruktur noch weiter unterstützt. Sie gestaltet sich aus ineinander übergehende, semitransparente Farbfacetten und versetzt das Bild in eine sanfte Unschärfe, dadurch werden gleichsam räumliche Verhältnisse undeutlich. Eindrücklich ist, wie sich der Hut auflöst und eine enge Bindung mit dem Hintergrund eingeht. Nur die drei scharf gehaltenen Objekte, Turm, Handschuh und Gesicht der Figur vermögen es, die verschiedenen Tiefenebenen zu fixieren.

Das Bild markiert einen Umbruch in der Malerei Baillys. Die 1920er Jahre erlebt sie als schwierige Zeit. Aufträge sind selten, der Kunstmarkt stagniert. Diese Umstände mögen die Künstlerin zu einer Suche nach etwas Neuem in ihrer Malerei veranlasst haben. Splittert Bailly ihre Bildgegenstände in früheren Werken in deutlich konturierte Facetten auf, verwendet sie hier ein viel lockereres Facettennetz. Sie spielt vor allem mit Transparenzeffekten, sodass die Figur nicht wie in früheren Portraits der Bildstruktur unterliegt, sondern als Individuum in den Vordergrund tritt. Dabei lenkt sie die Aufmerksamkeit des Betrachters verstärkt auf die Stimmungslage und Ausdruckskraft der Figur.

Unbekannt ist, ob das Portrait auf Grund eines Auftrages der Portraitierten entstand oder diese aus freundschaftlichem Dienst für das Bild posierte. Jedenfalls gibt das Portrait keinen eindeutigen Hinweis bezüglich des Entstehungskontextes. Es erscheint in seiner Funktion mehrdeutig. Durch die Aufmachung in kostspieliger Kleidung deutet das Bildnis einen repräsentativen Charakter an, wodurch die Figur als Angehörige einer wohlhabenden gesellschaftlichen Schicht ins Bild tritt. Doch die unkonventionelle Schräglage der Figur und die verschwommene Darstellung der Kleidung schwächen das repräsentative Moment ab. An dessen Stelle findet eine Psychologisierung der Figur statt. Diese ist an der Gewichtung des enigmatischen Gesichtsausdruckes der Figur und der verklärten Stimmung des Bildes festzumachen. Bailly verwendet in diesem Zusammenhang das Motiv der Handdarstellung. Ein Motiv, das in der Portraittradition verankert ist und schon früh neben dem Gesicht als wesentlicher Ausdrucksträger menschlichen Charakters fungierte. Ebenfalls wird der Hand eine identitätsstiftende Funktion beigemessen. In diesem Bild nennt der Titel – Frau mit dem weissen Handschuh – die „beschuhte“ Hand als wichtigstes ausdeutendes Attribut der Frau. Doch die zierliche, weibliche Hand bleibt dem Betrachter verborgen – ebenso die Bedeutung der Handbewegung. Die Gestik, welche die Malerei als Hauptmittel benutzt, um eine Figur narrativ in den umgebenden Kontext einzufügen oder dessen Rolle darin zu verdeutlichen, lässt Bailly explizit undefiniert, oder in einem weiteren Sinne, wie die Figur selbst „in der Schwebe“. In Bezug auf die Entstehungszeit des Bildes kann diese Darstellung auch in einem gesellschaftlichen Kontext gedeutet werden. In diesem Sinne würde das Portrait zum Ausdruck bringen, dass die Stellung der Frau in der Gesellschaft in Bewegung geraten und neu festzulegen sei.

Geneviève Hertzog