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Mit den Kindern und Tieren, L.I.S. (Lesen in Staub)
  • Miriam Cahn
  • Mit den Kindern und Tieren, L.I.S. (Lesen in Staub), 1985

  • schwarzgefärbte Kreide auf Papier
  • 126.4 x 157.3 cm (Blatt 3)
  • Blatt 1: bezeichnet unten rechts, mit schwarzer Kreide: "1"; Blatt 2: bezeichnet unten rechts, mit s
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 89.2:1-3y
  • © Miriam Cahn
  • Jahr von: 1,985
  • Jahr bis: 1,985
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography

Die drei grossformatigen Blätter – ihre Reihenfolge ist von der Künstlerin vorgegeben – bilden zusammen die Arbeit „Mit den Kindern und Tieren (L.I.S.)“ aus dem Jahr 1985. Sie gehören zu der Serie „Lesen in Staub“, deren Herstellungsprozess nach dem folgenden Ablauf geschieht: Im „Staubraum“ – ein dunkler, schwarzer Raum, in welchem die Künstlerin vorerst schwarz eingefärbte Kreide mit einem Messer zu Staub und kleinen Kreidestückchen schabt – breitet Miriam Cahn ein Papier auf dem Boden aus, um dann auf oder neben dem Blatt kniend mit den Händen in dem Staubhaufen zu lesen und in einem schnellen Prozess direkt mit den Fingern die Figuren aufs Blatt zu bringen. Diese Nähe zum Werk wählt die Künstlerin, um möglichst direkt aus ihrem Körper und seinen Erinnerungen heraus zu arbeiten.

Für das Thema „Kinder und Tiere“ geht Miriam Cahn von dem umsorgenden Gefühl aus, das Frauen kleinen hilfsbedürftigen Wesen entgegenbringen. Die Künstlerin nimmt diese Empfindung, die einer körperlichen Befindlichkeit entsprechen kann, durchaus ernst, hinterfragt aber auch die gesellschaftlichen Klischeevorstellungen von der friedfertigen Frau und ihrer angeblich von der Natur vorgegebenen beschützenden Rolle. Die drei Blätter zeigen Frauen mit grossen Brüsten und deutlich erkennbarem Geschlecht, teilweise mit klar umrissenen Konturen, dann wieder aus undefinierbaren, wolkigen Formen herauswachsend. Ihre Haare gehen oft in dunkle, fast bedrohlich wirkende Flächen über. Die Kinder – kleine, an Strichmännchen erinnernde Figuren – spielen zwischen den Frauenfiguren, saugen an den Brüsten oder werden von den Frauen an den Händen gehalten. Daneben lassen sich pferde- oder hundeartige Tiere erkennen. Die Figuren der Frauen, Kinder und Tiere verteilen sich über das ganze Blatt, ihre Ausrichtung ändert sich immer wieder, da sich die Künstlerin beim Zeichnen rund um das Blatt herum bewegt. Sie sind nicht kopfüber dargestellt, die Position der Figuren ergibt sich vielmehr aus der Stellung der Künstlerin während des Prozesses. Die Ausrichtung des Blattes wird durch die Schwerpunkte, die von den dunklen Flächen gebildet werden, bestimmt.

Der Prozess des Lesens im Staub hinterlässt Zeichen und Spuren auf dem gesamten Blatt. So verdichten nicht nur die Finger den Staub zu Linien und Flächen, auch der Körper von Miriam Cahn trägt durch Abdrücke zur Prägung des Papiers bei: Hand- und Fussspuren lassen sich auf allen drei Blättern ausmachen. Die Künstlerin überliefert somit nicht nur durch die figürlichen Darstellungen die dem Körper eigenen Geschichten und Erfahrungen, ihre Körpererinnerungen schreiben sich im Prozess der Performance vielmehr ganz direkt dem Blatt ein.

Agatha von Däniken