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Kühe im Tessin
  • Otto Morach
  • Kühe im Tessin, 1923/1971

  • Öl auf Jute
  • 100 x 105 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 86.37x
  • © Nachlass Otto Morach
  • Jahr von: 1'923
  • Jahr bis: 1'971
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Das Gemälde „Kühe im Tessin“ zeigt ein an einem Steilhang gelegenes Dorf mit farbigen Häusern. Drei Kühe sowie drei strauchähnliche Bäume sind auf die senkrechte Bildmitte verteilt. In der linken unteren Bildhälfte befindet sich eine Kirche. Ein Kreuz davor lässt auf einen vorgelagerten Friedhof schliessen, der von einer exotisch anmutenden Blume halb verdeckt wird. Auf gleicher Höhe, rechts daneben steht eine Kuh vor einem Fuhrwagen. Der Fahrer fehlt. Die Szenerie wird von der auf einer Art Sockel liegenden Mondkugel links oben beleuchtet. Im Hintergrund tauchen steile Felshänge auf. Die Arbeit „Kühe im Tessin“ zeichnet sich durch eine Bewegungslosigkeit aus, der die Pflanzen und Tiere erlegen sind. Einzig der Mond – mit den von ihm ausgehenden Strahlen und dem Schweif auf der linken Seite – zeugt von einer gewissen Dynamik. Die dargestellten Kühe verharren passiv wie Statuen in der zeitlich eingefrorenen und menschenleeren Umgebung.

In den späteren Jahren zweifelt Morach zunehmend an seinem eigenen Schaffen. So verändert er einige seiner früheren Werke. Er kratzt grosse Partien bis auf die Grundierung ab, um sie neu zu bemalen, was ihm zeitlich nicht mehr immer gelingt. In „Kühe im Tessin“, dessen erste Fassung von 1923 stammt, entfernt er bereits 1927 die Fuhrmannsfigur, die an Chagalls „Der Viehhändler“ erinnert. 1971 überarbeitet er das Bild erneut: Die beiden Kühe, am oberen Bildrand und in der Mitte, wandelt er von einer Spielzeugfigur in ein realistisches Tier um. Diejenige hinter dem Kirchturm kratzt er – ohne sie zu ersetzen – gänzlich weg. Das vor der Kirche positionierte Kreuz setzt er erst 1971 ein und stellt dadurch einen Bezug zum Friedhof her. Das Gemälde durchlief mehrere Restaurierungen, wobei Trateggioretouchen insbesondere bei der bearbeiteten Fläche hinter dem Kirchturm sowie beim Fuhrwagen – bei dem Morach nachträglich ebenfalls die Farbe teilweise entfernt hat – eingesetzt wurden.

In den frühen 1920er Jahre reist Morach mehrere Male zu Studienzwecken ins Tessin. Er beginnt, die südliche Natur zu malen, die ersten Vegetationsbilder entstehen. Um die Jahrhundertwende ist Ascona mit dem Berg „Monte Verità“ ein Zentrum für neue Bewegungen – eine Art Traumstätte eines gelebten Ideals, wo sich verschiedene Kunstschaffende, Anarchisten, Pazifisten und weitere Gruppierungen treffen. Für Morach birgt der Ort die Möglichkeit zum Rückzug in die Einsamkeit. In diesem Zeitraum werden frühkubistische Tendenzen in seinem Werk erneut aktuell. Das Tessin mit seinen enggebauten Dörfern an den Steilhängen, die wie ineinandergefügte einfache kubische Formen erscheinen, liefert die zentralen Bildmotive. Entsprechende Postkartenansichten dienen ihm – im Atelier an die Wand gehängt – als Arbeitsmaterial.

In „Kühe im Tessin“ scheint der Künstler nebst der südlichen Schweiz und dessen Vegetation zugleich seine aus den Reisen durch Norddeutschland gewonnenen Erkenntnisse zu verarbeiten. Die Architektur- und Naturformen ordnet Morach in ein Grundschema ein und wandelt sie in abstrakte geometrische Flächen um – so auch den Lichtstrahl des Mondes, den er mit dunkler Farbe hervorhebt. Hierbei sind Ähnlichkeiten zu Lyonel Feiningers Kirchenbildern auszumachen. Im Unterschied zu den Städtebildern geht von der hier dargestellten nächtlichen Szene eine eigentümliche Ruhe aus. Diese Synthese von Architektur, Tier und Vegetation ist ebenso bei anderen Künstlern des Expressionismus zu finden. Anklänge an Werke, insbesondere von Marc Chagall, aber auch von Heinrich Campendonk oder von Franz Marc, sind offensichtlich. Wie Campendonk bettet Morach die Tiere in ruhiger Pose in die Landschaft ein. Meist im Profil gezeigt, schweift ihr Blick in die Ferne. Indem Morach die Hufe der Kühe entweder verdeckt oder gänzlich weglässt, scheinen sie zu schweben. In seinem Werk zeugen verschiedene Bildmotive von der Beschäftigung mit dem 'Maler-Poeten' Chagall und dessen traumähnlichen Arbeiten. Nebst dem Mond sind oftmals Kühe – bei Chagall ein Symbol für das Leben – zu finden. Zugleich erinnern Morachs Arbeiten an Henri Rousseaus exotische Landschaften. Für den Wegbereiter des Surrealismus gilt die Realität nicht als abbildhaft, sondern vielmehr als ein Traum. Die einzelnen Elemente in seinen Bildern idealisiert und vereinfacht er zugleich. Seine Figuren setzt er in frontaler Sicht oder strengem Profil ein. Dem Expressionismus verschrieben, schöpft Morach zur Darstellungsfindung aus seiner Innenwelt, seiner Erinnerung und reduziert die Motive aufs Wesentlichste.

Patrizia Keller