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Selbstbildnis
  • Anton Graff
  • Selbstbildnis, um 1787

  • Öl auf Leinwand
  • 76.5 x 64 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der Stadt Luzern
  • Inv.-Nr. G 768x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'780
  • Jahr bis: 1'795
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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In der Zeit des Barock wird das Herrscherporträt durch stereotype Formeln bestimmt: Durch Gestik, Kleidung, Haltung und Attribute soll nicht eine Einzelpersönlichkeit, sondern ein Angehöriger einer Klasse oder eines Berufsstandes charakterisiert werden. Bei Anton Graff, der sich um Wiedergabe geistiger und seelischer Eigenschaften bemüht, verlieren diese Formeln ihre Glaubwürdigkeit. Als höfischer Porträtmaler löst er sich schon bald aus dem Zwang eines solchen repräsentativen Schemas und dient neben seiner Tätigkeit am Dresdner Hof vor allem bürgerlichen Auftraggebern.

Auch in der Gattung des Selbstbildnisses gibt es tradierte Bildtypen, etwa jener des Hofkünstlers. Graff hat sich – obwohl dem regierenden Fürsten, dessen Familie sowie dem Hofadel am sächsischen-kurfürstlichen Hof zu Diensten – in keinem seiner zahlreichen Selbstbildnisse als Hofkünstler inszeniert und somit etwa Ansprüche auf einen gehobenen gesellschaftlichen oder geistigen Rang geltend gemacht. Dennoch hat er sich überraschend oft mit sich selbst als "Forschungsobjekt" beschäftigt – häufiger als irgendein anderer Maler des 18. Jahrhunderts.

Das vorliegende Bildnis, das Graff als 51-Jährigen zeigt, ist eine von mehreren Repliken eines im selben Jahr entstandenen Selbstporträts. Dies zeugt nicht zuletzt von der Beliebtheit des Malers zu seiner Zeit, denn die Selbstbildnisse wurden zu einem Grossteil verkauft. Im Gegensatz zu einer etwas genrehaft anmutenden Darstellung – wie beispielsweise Graffs frühes Selbstbildnis im Atelier, das er als Probebild nach Dresden schickte – sind hier die üblichen Requisiten und Malutensilien an den Bildrand gerückt und kaum mehr zu erkennen. Die Leinwand verschmilzt mit dem dunkeltonigen Grüngrau des Bildhintergrundes und lässt keinen Blick auf das gemalte Bild zu. Die Haltung mit dem über die Schulter zum Betrachter gewandten Antlitz ist charakteristisch und hat einen Zusammenhang mit dem notwendigen Blick des Malers in den Spiegel. Der Blick aus den grossen, dunklen Augen des Künstlers ist aufmerksam und man glaubt seinem Schwiegervater, dem Philosophen Johann Georg Sulzer, wenn er bemerkt, dass viele der Porträtierten die "scharfen und empfindungsvollen Blicke, die er auf sie wirft, kaum vertragen können, weil jeder bis in das Innere der Seele zu dringen scheint."

Aus dem monochromen Dunkel lässt Graff sein Gesicht mit der hohen Stirn, der grossen Nase und dem schmalen Mund sowie seine rechte Hand auftauchen. Die äussere Erscheinung des Malers ist schlicht: Die Kleidung besteht aus einem einfachen rotbraunen Rock mit breitem Kragen, die Haare sind ungepudert.

Graff folgt in seinen Porträts einem mittleren Ausdruckswert, der zwischen den beiden Extremen Idealbild und Karikatur angesiedelt ist. Seelenvoll sind die Gesichter zwar, geben aber die Seele – etwa durch übertrieben gefühlsvolle Mimik – nicht preis. Diesem Grundsatz folgt der Maler auch in seinem Selbstbildnis. Der Betrachter begegnet einem aufgeklärten, selbstbewussten und in sich ruhenden Künstler, dessen Zurückhaltung ihm eine zeitlose Würde verleiht.

Regine Fluor-Bürgi