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Der Ritter Collatinus (Wandfragment aus der Fassade des Hertensteinhauses)
  • Hans Holbein d. J.
  • Der Ritter Collatinus (Wandfragment aus der Fassade des Hertensteinhauses), 1517

  • Öl auf Putz
  • 144.5 x 72 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 27x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'517
  • Jahr bis: 1'517
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Das in der Sammlung des Kunstmuseums erhaltene Fragment von Hans Holbein d. J., war ursprünglich Bestandteil der Fassadendekoration des Hertenstein-Hauses in Luzern. 1824 wurde dieses an den elsässischen Bankier Friedrich Knörr von Buchsweiler verkauft, der das Gebäude im darauf folgenden Jahr abreissen liess. Der Präsident der Luzerner Kunstgesellschaft, Oberst Karl Pfyffer von Altishofen, sowie der Berner Oberst Karl Viktor May von Büren, engagierten unmittelbar vor dem Abbruch einige Luzerner Kopisten, welche die Wandmalereien abzeichneten. Ein Album mit Aquarellen von Xaver Schwegler nach diesen Kopien befindet sich in der Sammlung des Kunstmuseums Luzern (KML G 699y).

Da die von Oberst May von Büren beauftragten Zeichner nur einzelne Szenen kopiert haben, ist eine gesicherte Rekonstruktion des Aufrisses nicht möglich. Auf einem erhaltenen Schema (KML G 699:2y) können jedoch die einzelnen Szenen des Fassaden-Programms gelesen werden. Demnach wies das Erdgeschoss zum Zeitpunkt des Abrisses keine Malereien mehr auf. Eine Federzeichnung Holbeins d. J. (Basel, Kunstmuseum) zeigt den Entwurf für die Ausschmückung einer scheinperspektivischen Eingangshalle, die mit Renaissance-Elementen geplant war. Dem restlichen Aufbau der Fassade lag ein von humanistischen Ideen geprägtes Programm zugrunde mit Schilderungen aus dem klassischen Altertum.

Zwischen den Fenstern des ersten Stockes waren die Darstellungen von allegorischen Frauenfiguren zu sehen (KML G 699:3y). Darüber erstreckte sich ein Fries von Putten, Pflanzenornamenten und kämpfenden Kindern in Grisaille-Technik. Das Zentrum der Fassade füllte die Darstellung der Königsprobe aus der Gesta Romanorum (KML G 699:5y), links und rechts davon waren die vier Allianzwappen von Hertensteins Eheschliessungen erkennbar. Zwischen dem zweiten und dritten Geschoss hatte Holbein den Triumphzug Cäsars in neun Feldern dargestellt (KML G 699:6y-G 699:9y). Diese Abbildung geht auf die Triumphzüge nach Andrea Mantegna (1431–1506) zurück, welche der italienische Meister zwischen um 1490 für den Marktgrafen Francesco Gonzaga in Mantua angefertigt hatte. Die Verwendung dieser Bildfolge könnte eine Anspielung auf die Heimkehr eidgenössischer Krieger aus den erfolgreichen Italien-Feldzügen gewesen sein.

Die Felder zwischen den Fenstern des obersten Stockwerks waren mit Szenen aus der griechischen und römischen Geschichte ausgemalt (KML G 699:10y und KML G 699:11y). Wobei von dieser Stelle auch das erhaltene Fragment "Der Ritter Collatinus" (KML 27x) stammte. Das in Seccotechnik gemalte Fragment wurde beim Abriss dermassen beschädigt, dass keine sichere Beurteilung über dessen ursprüngliche Qualität gemacht werden kann. Es hat nur überlebt, weil es Bestandteil des Nachfolge-Bau des Hertenstein-Hauses war und später in die Sammlung des Kunstmuseum Luzern einging.

Das Bruchstück erzählt die Geschichte der tugendhaften Römerin Lucretia, die vom Königssohn der feindlichen Tarquinier entehrt wird. Da sie diese Schandtat nicht ertragen kann, entschliesst sie sich zum Selbstmord und erdolcht sich im Beisein ihres Gatten Collatinus. Dieser ist auf dem Fragment in Rückenansicht gezeigt. Rechts sind der Arm einer Dienerin und die Hand der knienden Lucretia mit Dolch noch knapp erkennbar. Die Figuren sind in zeitgenössischer Bekleidung dargestellt: Collatinus trägt einen für das 16. Jahrhundert typischen Wams mit Faltrock, Stulpenstiefel und ein Barett. Die am Arm erkennbare Dienerin trägt ebenfalls ein wamsartiges Oberteil das mit schwülstigen Schnürringen unterbrochen wird. Die Bildkomposition in starker Unteransicht erinnert an die italienischen Fresken Mantegnas in der Emeritani-Kapelle in Mantua.

Das Programm der Innenräume war von der Geschichte der Familie Hertenstein geprägt. Zur Zeit des Abbruches waren jedoch nicht mehr alle Wandmalereien erhalten. Die Ost- und Westwand des grossen Saales beherbergten drei Jagdszenen (KML G 699:13y, KML G 699:14y, KML G 699:15y), welche die Lieblingsbeschäftigung des Auftraggebers widerspiegelten. An der Nordwand hingegen wurde das Thema des Jungbrunnens gezeigt (KML G 699:19y, KML G 699:20y). In der hauseigenen Kapelle befand sich an der Südwand die Abbildung der sieben Namenspatronen der Familie Hertenstein (KML G 699:17y). An der Westwand waren zwei Gemälde angebracht, die im Zusammenhang mit der Gründungslegende von Vierzehnheiligen standen (KML G 699:16y, KML G 699:18y).

Die Schauseite des Hertenstein-Hauses war die erste reine Renaissance-Fassade Luzerns und spiegelte einerseits die humanistische Bildung und andererseits den grossen Reichtum des Stifters Jakob von Hertenstein wider. Dazu sollte das ikonographische Programm die repräsentativen Ansprüche des patrizischen Auftraggebers erfüllen. Die Vorbilder dafür stammten aus Oberitalien und speziell für Holbein aus seiner Heimatstadt Augsburg, wo er zuvor die Fassadenmalereien am Fugger-Haus von Hans Burgkmair (1473–1531) studieren konnte.

Melanie Rui