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Zug der Verwundeten (Studie zum Bourbaki-Panorama)
  • Edouard Castres
  • Zug der Verwundeten (Studie zum Bourbaki-Panorama), 1876/1877

  • Öl auf Leinwand
  • 54.3 x 183 cm
  • signiert unten rechts: "E. Castres"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 5x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'876
  • Jahr bis: 1'877
Werkbeschrieb
Provenienz
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Literatur
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Neben zahlreichen Skizzen und Studien von Einzelfiguren, Figurengruppen und Teilszenen, die sich vor horizontlosem Schnee präsentieren, sind ein paar weitwinklige Entwürfe erhalten, in welchen grössere Teile der Gesamtkomposition angelegt sind. Nicht alle haben die gleiche Funktion innerhalb der Vorbereitungsarbeiten für das Rundbild. Es gibt rein kompositorische Aufzeichnungen, wie das grossartige Beispiel aus dem Musée d’Art et d’Histoire in Genf mit der Entwaffnungsszene und dem Zug der Verwundeten. In dieser panoramatischen Skizze ist fast ein Fünftel des ganzen Rundbildes angelegt. Die Darstellung gilt allerdings einzig der Anordnung der Szene in der Landschaft. Einzelfiguren, Pferde, Wagen sind in schnellen Pinselstrichen hingeworfen und nur als Teile der dunklen Masse von Bedeutung, welche der weissen Landschaft die Waage hält.

Das Luzerner Bild mit dem Zug der Verwundeten unterscheidet sich entscheidend von solchen reinen Kompositionsstudien. Auf dem 165 cm langen und 55 cm hohen Bild ist die Szene detailliert ausgeführt. Es gibt eine weitere vergleichbar ausgeführte Gesamtstudie im Musée Militaire in Colombier. Sie zeigt die biwakierenden Soldaten, welchen von der Bevölkerung geholfen wird. Diesen beiden Szenen scheint sich Castres mit besonderer Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Es sind jene, die uns im Bourbaki-Panorama heute noch am meisten in Bann ziehen. Sie prägen die Stimmung und die Bildaussage entscheidend und bringen die geistige Grundhaltung des Künstlers zum Ausdruck, welcher der dokumentarischen Wiedergabe des militärischen Ereignisses Tiefe gibt, indem er einen mitfühlenden Blick auf das menschliche Schicksal richtet und damit seine Reportage so auch zu einem Mahnmal werden lässt.

Im Luzerner Szenenentwurf konzentriert sich die Tragik des ganzen Geschehens. Hinter dem Bahndamm strömen nicht enden wollende Scharen von Soldaten in die Schweiz. Sie sind gezeichnet von körperlichen Strapazen und der militärischen Niederlage. Die wenigen Fahrzeuge, hier ein Leiterwagen, dort ein Schlitten, ein Planwagen sind überfüllt mit erschöpften und verwundeten Männern; die Kutsche ist mit Offizieren besetzt. Wer sich auf den Füssen halten kann, kämpft sich durch den stiebenden Schnee, stützt sich vielleicht auf einen Stock oder findet Halt bei einem Kameraden. Viele sind verwundet: einer wird auf einer Bahre getragen, ein anderer ist zu Boden gesunken und versucht vergebens, die Vorbeiziehenden auf sich aufmerksam zu machen. Ein Sterbender empfängt von einem Priester die letzten Sakramente. Am Wegrand liegt ein verendendes Pferd. Der Eindruck von individuellem Leid wird durch die Masse vervielfacht und konfrontiert uns mit einem überwältigenden Schicksal.

Etwas weiter hinten ziehen die Trainsoldaten mit ihren ausgemergelten Pferden, angeführt von jener Gruppe, welche Castres in der Ölskizze (KML E 93.176x) vorbereitet hat. Kühle Blautönen und die neblige Winterluft rücken sie atmosphärisch ab von der drastischen, detailliert ausgeführten Szene im Vordergrund, wo viel leuchtendes Rot von verschiednen Uniformteilen mit den kalten Tönen der Umgebung kontrastiert. Im Rundbild erhält das Rot gegenüber der Studie eine zusätzliche Steigerung durch die zugefügte Figur des Kürassiers im roten Mantel (vgl. Studie KML E 4x). Wie geschickt Castres mit suggestiver Farbgebung die Dramaturgie der verschiedenen Szenen differenziert, kann im Panoramabild nachvollzogen werden, etwa bei einem vergleichenden Blick auf die Szene der biwakierenden Franzosen diesseits der Grenze, wo freundliche Farbtöne mithelfen, einen versöhnlichen Ausgleich zu schaffen.

Unter den erhaltenen Studien dokumentiert der Luzerner Entwurf Castres’ letzten Schritt in den malerischen Vorbereitungen für das Panoramabild.

Brigit Kämpfen-Klapproth