deutschenglisch
Albero di undici metri
  • Giuseppe Penone
  • Albero di undici metri, 1976

  • Holz
  • 1101 x 20.5 x 12 cm
  • signiert auf der Seite, eingekerbt: "GIUSEPPE PENONE"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 184w
  • © 2006, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'976
  • Jahr bis: 1'976
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Penones „Albero di undici metri“ aus dem Jahr 1976 gehört zu einer Serie von mehreren frei gelegten Bäumen, die von 1969 bis 1991 entstehen. „Die erforderlichen Instrumente, um die Rekonstruktion eines Waldes auszuführen“ sind laut dem Bildhauer „ein Holzschlegel von 500 Gramm Gewicht, ein grosses und ein kleines Hohleisen, ein grosses und kleines Stechzeug und Glasscherben.“ Das Vorgehen ist immer dasselbe: Mit handwerklicher Sorgfalt holt der Künstler entlang eines Jahresringes in einer Umkehrung des Wachstumsprozesses, den Baumkern samt den Astansätzen aus dem einem industriell gefertigten Holzbalken hervor. Das zur Hälfte frei geschälte Baumsegment bleibt auf der Unterseite im Brett gefangen, das gleichsam den Sockel der Skulptur bildet. Die weg geschnittene Negativform und die Arbeitsleistung des Künstlers bleibt so nachvollziehbar. Neben den Alberi verschiedener Länge im Stil des Luzerner Exemplars gibt es auch vertikal kopfüber aus einem hohen Sockel herauswachsende Bäume. Die Alberi werden einzeln oder zu einem „Stück Wald“ zusammengefasst, präsentiert.
Der Luzerner Baum ist, wie im Titel festgehalten, elf Meter lang. Zur Spitze hin verjüngt sich das helle Gerippe des Baumkernes stark bis der ehemals junge Trieb vollständig vom Brett umgeben wird. Die Rundung des Stammes wird an seiner dicksten Stelle durch die dunkelbraune Fläche des Balkens beschnitten. Auf dem schmalen Rand des Brettes hat Penone seine Signatur eingekerbt und mit dunkler Farbe akzentuiert.

Der Bildhauer schafft hier nicht autonom eine neue Form, sondern richtet seine künstlerische Tätigkeit nach der Natur, indem er ein von der Natur geschaffenes Objekt herausschält. Bezeichnenderweise sieht sich der Künstler in der Tradition Michelangelos, der konstatierte, dass seine Schöpfung sich schon in dem rohen Block befinde und er sie lediglich hervor hole. Von dieser Positionierung des Renaissance Künstlers leitet Penone seine eigene Grundidee der Skulpturenkunst ab.
Durch seine Konzentration auf ein Lebensjahr der Pflanze legt er eine ehemalige Oberfläche, einen früheren Zustand zu einem präzis dendrochronologisch bestimmbaren Zeitpunkt frei: Er macht ein Objekt in seiner Vergangenheit sichtbar. Gleichzeitig verweist der Jahresring durch die Holzschichten, die im belassenen Brett ersichtlich sind, auf das spätere Wachstum. In der Gegenüberstellung der zwei gegenläufigen Wachstumsprozesse – dem aufbauenden organischen und der künstlerischen Reduktion des Materials – macht Penone Zeit sichtbar. Er beschreibt sein Schaffen denn auch als „eine Art Filmsequenz, in der umgekehrten Richtung geschossen und stark beschleunigt“. Daneben ist die Auseinandersetzung mit Oberflächen und der durch sie begegrenzten Volumina wiederkehrendes Thema in Penones Werk. In seinen Haut-Bildern kleidet er zeichnerisch einen Raum ein und kehrt so die Abgrenzung von Aussen und Innen um. Analog dazu spielt er in seinen Baumarbeiten mit der abschliessenden Oberfläche, die ein lebendiges Objekt in seiner Ausdehnung definiert.

Penone wählt hierfür kein unbeschriebenes Stück Natur. Bäume sind von grosser, sowohl profaner als auch kultureller Bedeutung für den Menschen. Durch seine Arbeit verweist der Künstler über die Funktionalität des Holzes hinaus auf das Wesen der Dinge. Er macht den Ursprung des Holzes erkenntlich, transformiert das Gebrauchsmaterial zurück zum Lebewesen. Es ist nicht Penones Intention, den Baum wieder als ein Stück ursprünglicher Naturschönheit herzustellen, sondern vielmehr interessiert ihn der Prozess der Verwertung von Natur. So hält er denn auch fest: „Was mich dauernd berührt, ist das in meinen Augen fantastische Aussehen einer jeden Tür, eines jeden Tisches, eines jeden Fensters, eines jeden Bodens. Alle tragen sie das Bildes eines Baumes in sich.“

Schon in den frühesten Werken beschäftigt sich der „Arte Povera“-Künstler mit Bäumen, eine seiner ersten Arbeiten sind drei ineinander geflochtene Jungbäume im Wald. Der Albero di undici metri ist ein zentrales Frühwerk Penones, in dem er seine künstlerische Haltung bereits auf den Punkt bringt. Auch innerhalb der Arte Povera nimmt es die Rolle eines Schlüsselwerkes ein, das die Merkmale der „armen Kunst“ wie Verwendung natürlicher Materialien, Hinterfragung der Dinge und Zeitlosigkeit in sich vereint. Dank Jean-Christophe Ammann, dem damaligen Direktor des Kunstmuseums Luzern, befindet es sich in der Sammlung. Amman war einer der massgeblichen Förderer der italienischen Künstler, die ab 1970 unter dem Sammelbegriff Arte Povera zusammengefasst wurden. Das 1977 angekaufte Werk wurde im selben Jahr das erste Mal in der Einzelausstellung des Kunstmuseum Luzern „Giuseppe Penone. Bäume, Augen, Haare, Wände, Tongefässe“ der Öffentlichkeit gezeigt. Das Brett mit Stamm wurde flach auf den Boden gelegt. In den zahlreichen Ausstellungen in verschiedenen Museen wurden jedoch auch andere Präsentationsformen gewählt, beispielsweise wurde das untere Ende des Stammes am Boden fixiert und die Spitze des schräg in der Luft verlaufenden Baumes, an die Wand gelehnt.

Chonja Lee