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Banjo spielender Neger
  • Frank Buchser
  • Banjo spielender Neger, ohne Jahr

  • Aquarell auf Papier
  • 17.7 x 10.7 cm
  • signiert unten links: "FB"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 575y
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,866
  • Jahr bis: 1,890
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Als Maler der Afroamerikaner nimmt Frank Buchser nicht nur innerhalb der Schweizer Kunstszene, sondern in der gesamten europäischen Kunstproduktion eine Sonderstellung ein. Nur von wenigen Amerikanern wird der Schwarze im 19. Jahrhundert als "bildwürdig" erachtet, während die meisten europäischen Künstler die neue Welt in der Hoffnung besuchen, im Indianer jenen "edlen Wilden" zu finden, der ihnen Rousseau ausführlich geschildert hat.

Ein Projekt zu einem grossen, die Sieger des Sezessionskriegs verherrlichenden Historienbild hat Buchser ursprünglich nach Amerika geführt, doch bereits kurz nach seiner Ankunft wendet er sich einem anderen Sujet zu, dem des jungen Afroamerikaners. Darin findet er ein exotistisch reizvolles, pittoreskes und dennoch gänzlich unverbrauchtes Bildmotiv, in welches er zudem das Ideal einer naturnahen, vorzivilisatorischen Existenz hineinprojiziert. Ob die drei Aquarelle in der Sammlung des Kunstmuseums Luzern (vgl. auch Inv.-Nr. 573y und 574y) tatsächlich aus der Zeit des Amerikaaufenthaltes (1866–1871) stammen, ist jedoch nicht mit letzter Sicherheit zu sagen, denn auch später widmet sich Buchser der Figur des Schwarzen, wie zum Beispiel in "Musizierender Neger am Strande von Scarborough", 1876.

Die drei Blätter sind gleichen Formats und nehmen inhaltlich aufeinander Bezug. Auf dem einen Aquarell sitzt ein junger Schwarzer lässig auf einem Stuhl und musiziert voller Inbrunst auf seinem Banjo. Ein zweites Blatt zeigt ein kleines, entzückt zur Musik tanzendes Mädchen während auf dem dritten Aquarell eine korpulente schwarze Frau (sie entspricht dem Typus der "Mummy") amüsiert zur Seite schaut. Ähnliche Figurengruppen um einen Banjospieler, ein tanzendes Kind und einen erwachsenen Zuhörer tauchen in amerikanischen Darstellungen von Schwarzen oft auf. Bekanntestes Beispiel ist Eastman Johnsons damals ausserordentlich beliebtes Gemälde "The old Kentucky Home" von 1859, das Buchser vermutlich gekannt hat.

Der Banjospieler taucht auch in anderen Gemälden Buchsers auf, unter anderem in dem von ihm selbst als "Meisterwerk" bezeichneten "The Song of Mary Blane". Dort soll das Banjo als ureigenstes Instrument der Afroamerikaner an die kulturellen Wurzeln erinnern, während der eigentliche Liedinhalt von den erst kürzlich zurückliegenden Gräueln der Sklaverei berichtet. Anders verhält es sich mit dem Banjospieler dieses Aquarells. Nicht ernst und andächtig, sondern karikaturistisch überzeichnet wird der Junge hier dargestellt. Weit aufgerissene Augen mit nach oben gedrehten Augäpfeln sowie ein verzerrter Mund sollen eine übertriebene, leidenschaftliche Hingabe andeuten, die den Stempel des Komischen trägt. Stereotype physiognomische Merkmale treten in den vorliegenden Aquarellen am deutlichsten beim "Negermädchen" in Erscheinung: schwarze Kringellocken, eine breite Nase und ein Mund mit wulstigen Lippen, die eine Reihe von weissen Zähnen offenbaren (wofür in Amerika eigens der Ausdruck "toothy grin" geprägt wurde), bestimmen ihr Äusseres. Ausserdem greift Buchser im Banjospieler deutlich auf die stereotype Figur des schwarzen Entertainers zurück. Das Bild des unterhaltsamen, etwas lächerlichen Schwarzen wurde hauptsächlich durch die Minstrels verbreitet, fahrende weisse Spielleute, die als Schwarze maskiert die Lebensgewohnheiten sowie Musik und Tanz der schwarzen Bevölkerung karikierten. Während eine solche stereotype Behandlung der Figur des Schwarzen in der amerikanischen Genrekunst weit verbreitet ist, erweist sie sich als eher untypisch für Buchsers Umgang mit dem Motiv.

Die drei Aquarelle zeugen von Buchsers hoher zeichnerischer Begabung und offenbaren auf kleinem Format einen erstaunlichen Detailreichtum in der Ausgestaltung der Figuren. Obwohl die grosse Bedeutung der Zeichnungen und Ölskizzen in Buchsers Werk immer wieder betont wird, haben sie noch keine umfassende wissenschaftliche Bearbeitung erfahren.

Regine Fluor-Bürgi