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Vesperbrot
  • Albert Anker
  • Vesperbrot, 1900

  • Aquarell auf Papier
  • 24.5 x 35 cm
  • signiert und datiert unten links: "Anker 1900"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 192y
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'900
  • Jahr bis: 1'900
Werkbeschrieb
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Literatur
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Albert Anker wird in ländlicher Umgebung geboren und verbringt dort einen Grossteil seines Lebens. Als Sohn eines Tierarztes kommt er aus besseren Verhältnissen, wo es ihm finanziell an nichts mangelt. Zeitlebens fühlt er sich beiden sozialen Schichten, dem bürgerlichen Milieu wie auch dem Bauerntum, verbunden. Während er den Sommer hindurch in Ins weilt, verbringt er die Wintermonate zusammen mit seiner Familie jeweils in Paris, wo er das kulturelle Angebot der Stadt geniesst. Von einer Vorliebe für städtische Eleganz zeugen auch die Bildnisse seiner eigenen Kinder, die ihm übrigens nie als Modelle für Bauerngenres dienen. Den Bauern bringt er trotzdem viel mehr als nur ein volkskundliches Interesse und eine Freude am Folkloristischen, an der Farbigkeit der Trachten und an der Altertümlichkeit der Gegenstände entgegen. Seine Darstellung des Bauernstandes ist nicht augenzwinckernder oder herablassender Art. Im Gegenteil verleiht er seinen bäuerlichen Modellen eine ganz eigene Ernsthaftigkeit und Würde.

Vor allem die in ihrer Umgebung geborgen wirkenden, älteren Menschen zeichnen sich in Ankers Werk durch einen heiteren Ernst und eine Gelassenheit aus, die im Gegensatz zur Schwermut und Verzweiflung stehen, wie sie beispielsweise in Ferdinand Hodlers Altmännerdarstellungen vorherrschen. Dies gilt auch für den älteren Mann in "Vesperbrot". Nachdenklich sitzt er am Tisch, den Blick in die Ferne gerichtet. Er trägt einen braunen Anzug mit einem Jackett, über den Kopf hat er eine schwarze Mütze gestülpt. In seiner Linken hält er einen Gehstock, den anderen Arm hat er auf den Tisch gestützt und schmiegt seine Wange in die rechte Hand. Vor ihm liegen halb vergessen ein angeschnittener Leib Brot und ein kleines, halbvolles Trinkglas als Überreste eines einfachen, fast schon kärglichen Abendmahls.

Das querrechteckige Aquarell ist kompositorisch einfach aufgebaut: eine schlichte, monochrome Wand bildet den hinteren Abschluss des schmalen Bildraums, der in seiner Tiefe durch den quer gestellten Tisch definiert wird. Der Bauer ist nahe an den vorderen Bildrand gerückt und bildet den Mittelpunkt des Bildes. Ein paar gezielt platzierte Gegenstände – Kochgeschirr, Suppenlöffel, Brot, Messer – beleben den Raum und verleihen dem Bild eine erzählerische Note. Trotzdem ist das Anekdotische stark zurückgenommen und lenkt den Betrachter nie vom eigentlichen Bildinhalt, vom sinnenden Greis, ab. Denn ein Bild, dem das psychologische Interesse fehle, sei "seines Lichts beraubt", ist Anker überzeugt. "Der Mensch interessiert sich für den Menschen, er wird […] immer das hervorragendste Modell sein", schreibt er 1899 in einem Brief an Philippe Godet. Ein Blick auf sein Gesamtwerk offenbart, wie treu der Maler diesem Grundsatz ein Leben lang geblieben ist.

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