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Fettstücke an Stielen
  • Joseph Beuys
  • Fettstücke an Stielen, 1956

  • Bleistift und Öl auf Papier
  • 20.9 x 29.6 cm
  • signiert und datiert unten Mitte: "Beuys 56"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 633y
  • © 2005, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1,956
  • Jahr bis: 1,956
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

"Fettstücke an Stielen" von 1956 ist ein Werk aus einer entscheidenden Phase im Leben Joseph Beuys', das ein wesentliches Thema seines Schaffens voraus nimmt.

1955 bis 1957 durchlebt Beuys eine schwere, von depressiven Erschöpfungszuständen geprägte Krise. Er zieht sich 1957 auf den Landhof der Brüder van der Grinten bei Kranenburg zurück, wo er auf dem Feld arbeitet. In dieser Zeit, die er später als notwendige Phase des Umbruchs bezeichnet, ist er künstlerisch fast ausschliesslich im Medium der Zeichnung tätig. Das zeichnerische Werk dieser Jahre ist daher von ausserordentlicher Bedeutung, denn in ihm kommt das zunächst intuitiv Erfasste zu einer ersten Gestaltung. Diese Zeichnungen enthalten alle Elemente, die Beuys systematisch und mit wachsendem Bewusstsein in verschiedensten Medien ausarbeiten wird. So auch in diesem Werk: Während Beuys erst in einer Aktion von 1963 mit echtem Fett arbeiten und dessen Materialsymbolik exponieren wird, lassen sich entscheidende materiale und symbolische Qualitäten von Fett bereits in der Arbeit von 1957 erfassen.

Beuys trägt mit Ölfarbe amorphe Flächen unterschiedlicher Grösse auf. Sie sind unregelmässig über das Blatt verteilt, verdichten sich aber zur Mitte hin. Beuys modelliert die Flächen kaum, jedoch vermittelt die glänzende, durchscheinend aufgetragene Ölfarbe überzeugend die Erscheinungsweise von Fett. Jede Fläche ist von einer Bleistiftlinie umfasst und gleichsam eingedämmt, als ob diese eine Ausbreitung des "Fetts" verhindern solle. An der längsten Seite jeder Fläche setzt eine Linie oder ein breiterer Stiel rechtwinklig an und gibt ihr so eine Ausrichtung. Die wie eine Koordinatenachse durchgezogene horizontale Bleistiftlinie verstärkt das ausrichtende Moment, die Stiele verhalten sich zu ihr wie Kompassnadeln. Die an sich ordnungslosen Flächen erhalten ein geometrisches, meist orthogonales Verhältnis zu den anderen Elementen und zu der Bildfläche als Ganzes.

Die Bildfläche wird zu einem energetisch geladenen Spannungsfeld, in welchem polare Elemente Kräfte entfalten. Fett, das für Beuys reine, aber ungerichtete, zerstreute und daher chaotische Energie und Wärme ist, wird der dämmenden, leitenden Kraft der Bleistiftlinien ausgesetzt, die man hier mit der Funktion von Kupfer als kaltes, Energie leitendes Metall vergleichen kann. Die Medien werden entsprechend der grundlegenden Polarität eingesetzt: Die mit dem Pinsel flächig aufgetragene Ölfarbe als chaotisches Element gegenüber den gerade gezogenen, geometrisch definierten Bleistiftlinien als ordnendes Element. Beuys' Arbeit offenbart sich als unmittelbare Umsetzung der Materialeigenschaften. Im bescheidenen Format der Zeichnung findet sich also eine äusserst konsequente, präzise Bearbeitung, die dem späteren plastischen Werk nicht nachsteht.

Als Beuys 1969 im Kunstmuseum den "Luzerner Fettraum" einrichtete, galt er als wichtiger Exponent der progressiven Kunst in Europa, der mit seinen Arbeiten sehr kontroverse Reaktionen auslöste. Im darauf folgenden Jahr gab eine weitere Ausstellung dem Luzerner Publikum die Möglichkeit zur differenzierten Einsicht in das Schaffen des Künstlers. Von neunzig bis dahin nie ausgestellten Zeichnungen aus der bedeutenden Sammlung der Gebrüder van der Grinten, langjährige Freunde und Unterstützer von Beuys, blieben die Zeichnungen "Fettstücke an Stielen" und "Zwei Batterieblöcke mit Braunkreuzen" dem Kunstmuseum als Schenkung erhalten.

Martina Papiro