deutschenglisch
Panettone
  • Alighiero Boetti
  • Panettone, 1967/1993

  • 4 Aluminiumbleche und 8 Flusskiesel
  • Ø ca. 2 m
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 93.7w
  • © 2005, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'967
  • Jahr bis: 1'993
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Alighiero e Boettis Werk „Panettone“ aus dem Jahre 1967, das der Künstler 1993 nach seiner zweiten Einzelausstellung im Kunstmuseum Luzern dem Haus schenkt, ist ein halbkugelförmiges Objekt, das direkt auf den Boden des Ausstellungsraums zu stehen kommt. Es ist nicht sonderlich hoch - seine Höhe beträgt vielleicht einen halben Meter -, sein Durchmesser hingegen beläuft sich auf gute 2 m, und es braucht durchaus einige Schritte, um seinen Umfang abzuschreiten. Jedoch ist es nicht die Grösse, die in erster Linie auffällt, sondern das Material und die Form des Objekts: es besteht aus vier dünnen, langen Blechstreifen, die, damit sie eine Halbkugel bilden, zuerst diagonal und kreuzweise übereinander gelegt und dann zu einer konvexen Rundung zusammengestaucht werden. In dieser Position gehalten werden die Blechlamellen durch an ihren Enden platzierte grosse Steine.

Die Materialien mögen irritieren, die halbkugelförmige Gestalt des Objektes jedoch erklärt den nicht auf anhieb ersichtlichen Namen dieser minimalistischen Skulptur. In der Tat erinnert die Halbkugel an die um die Weihnachtszeit genossene italienische Süssspeise. „Panettone“ stellt ein wichtiges Frühwerk Boettis dar, das typisch für seine Arbeiten der zweiten Hälfte der 1960er Jahre ist. In dieser Zeit beginnt Alighiero e Boetti sich für das dreidimensionale Objekt zu interessieren. Wie anderen Künstlern der Bewegung der Arte Povera, zu der Boetti bis zu seiner expliziten Distanzierung von ihr gezählt wird, geht es ihm jedoch nicht um die klassische Skulptur und den mit ihr assoziierten traditionellen wertvollen und beständigen Materialien wie Marmor oder Bronze. Vielmehr lässt er sich von der aktuellen Begeisterung für ungewöhnliche und alltägliche, natürliche wie industriell hergestellte Materialien anstecken. Boetti benutzt neben Blech und Steinen auch Zement, Eternit, Plastik, Aluminium, Ton und Karton. Bei allen seinen Objekten sind nicht nur die Materialien einfach, sondern auch die künstlerische Ausführung. Es geht Boetti darum, das Material und seine grundlegenden Eigenschaften künstlerisch auszuloten.

In Panettone spielt der Künstler mit der Eigenschaft des Materials Blech, seiner Biegsamkeit, die er der Schwerfälligkeit und Härte des natürlichen Materials Stein gegenüberstellt und erzeugt auf diese Weise mit einfachsten Mitteln eine elementare Spannung. Jedoch ist es eine Spannung, die gleichzeitig das Prinzip der Harmonie, des Ausgleichs zweier widersprüchlicher Materialien, und ihrer Eigenschaften in sich trägt und so eine frühe künstlerische Ausformung von Boettis Dualitätsprinzip – den Ausgleich zweier unvereinbar scheinenden Gegensätze – darstellt.

Sylvia Rüttimann