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Le Bonvivant (Inser Bauer)
  • Albert Anker
  • Le Bonvivant (Inser Bauer), um 1886

  • Öl auf Leinwand
  • 55.3 x 65.5 cm
  • signiert unten rechts: ".Anker"
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 1x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,880
  • Jahr bis: 1,890
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Albert Anker sucht in der ländlichen Umgebung das Gute und Hoffnungsvolle im Menschen, um es dem Betrachter – nicht ohne didaktische Absichten – in seinen zahlreichen Einzelfigurenbildnissen vorzuführen. Seine Modelle strahlen in ihrer Haltung und Tätigkeit eine innere Ruhe aus, die durch nichts zu erschüttern ist. Unannehmlichkeiten des dörflichen Lebens umgeht der Künstler, streift aber dennoch soziale Problematiken der Zeit, zum Beispiel in "Die Armensuppe in Ins" (1893), "Der Geltstag" (1891) oder in "Der Trinker/Le Pauvre Homme" (1869). Aber auch hier handelt es sich nicht um eigentliche Anklagen, denn die Armen sind keine Ausgestossenen der dörflichen Gesellschaft, sondern demütige Empfänger ihrer sozialen Leistungen. Das Schwierige solcher Situationen ist ins Positive gewendet und spiegelt Ankers unerschütterlichen Optimismus gegenüber einem als intakt empfundenen dörflichen System wider.

Mit "Le Bonvivant" ist für Anker die Grenze dessen erreicht, was für ihn noch darstellbar ist, handelt es sich doch bei dem Abgebildeten um einen eher wenig erfreulichen Charaktertypen. Das querrechteckige Gemälde zeigt einen korpulenten, bärtigen Mann, der sich geniesserisch zurücklehnt. Mit erhobenem Kinn und aus halb geschlossenen Augen mustert er den Betrachter spöttisch. Aus seiner Körperhaltung spricht zudem eine gewisse Gerissenheit und arrogante Aufgeblasenheit, was ihm einen unsympathischen Zug verleiht. Die Physiognomie, wenn auch nicht wirklich hässlich, ist wenig ansprechend. Über der fülligen Körpermitte thront ein fleischiges, massiges Gesicht. Umrahmt wird es von einem lockigen, braunen Bart, der die breite Unterkieferpartie zusätzlich betont. Unter den anzüglich blitzenden Augen mit den wulstigen Augenliedern befinden sich eine kurze Nase und ein schmaler, vom Schnauzer halb verdeckter Mund. Angegraute Schläfen lassen auf ein mittleres Alter schliessen.

Ein warmer, stellenweise ins Rötliche gehender, kräftiger Braunton dominiert das Bild. Die breit angelegten Farbflächen sind mit lebhaftem Pinselstrich gestaltet. Der Hintergrund ist monochrom gehalten, weist aber durch ein aus dem Dunkeln hervorleuchtendes Goldgelb eine gewisse Tiefe auf. Ansonsten gibt nur eine in Grau angedeutete Sessellehne einen Hinweis auf den Bildraum. Alles Anekdotische verschwindet, ist gewissermassen auf Körperhaltung und Gesichtsausdruck des Bonvivant reduziert.

Bei dem Modell handelt es sich um einen Schiffskapitän namens Willenegger. Wie die anderen, uns mit Namen bekannten Modelle Ankers ist auch sein Bildnis über das eigentlich Individuelle hinausgewachsen. Mit der Wahl des verallgemeinernden Titels "Le Bonvivant" weist Anker sachte auf das Thema der Völlerei hin. Vollends zum allgemein gültigen Typus wird der Dargestellte auf einer Fayence, die den shakespearschen Bruder Liederlich „Falstaff“ zeigt, und für die sich Anker des Gemäldes "Le Bonvivant" als Vorlage bedient. Aus finanziellen Gründen wird der Maler nach der Familiengründung künstlerischer Mitarbeiter von Théodore Deck’s Fayencefabrik in Paris, wo er viele historische und literarische Porträts geschaffen hat. Es ist nicht selten, dass Anker Motive in verschiedenen Techniken wiederholt und abwandelt. Neben der Falstaff-Fayence gibt es den "Bonvivant" auch als lavierte Zeichnung des Kunstmuseums Solothurn und als eine sich im Privatbesitz befindende Aquarellkopie.

Regine Fluor-Bürgi