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Ikarus-Lilienthal II
  • Hans Erni
  • Ikarus-Lilienthal II, 1941

  • Tempera und Pastell auf Pavatex
  • signiert und datiert unten rechts: "erni 41", bezeichnet recto: "zur enzyklopädie der luftfahrt"
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 394x
  • © Hans Erni
  • Jahr von: 1'941
  • Jahr bis: 1'941
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Das Bild „Ikarus Lilienthal II“ ist auf den 20. Mai 1941 datiert. Wir befinden uns mitten im Zweiten Weltkrieg – an diesem Tag greift die deutsche Luftwaffe Kreta an und erfährt zahlreiche Bruchlandungen und Abstürze von Fallschirmjägern.

Erni ist gerade 31 Jahre alt, vom Militär eingezogen wird er zum Motorfahrer verpflichtet, später zum Tarn- und Kunstmaler. Derzeit gilt er als einer der aufstrebenden und populärsten Künstler der Schweiz. Gerade vor zwei Jahren realisierte Hans Erni seinen bisher bedeutendsten Auftrag – das „Landibild“, welches eines der grössten Schweizer Wandgemälde darstellt. In Dübendorf konkretisiert sich Anfang der 1940er Jahre das Projekt, den Flughafen auf einen interkontinentalen Grossflughafen zu erweitern. Für den Warteraum wurde ein Wandbild geplant, welches durch Erni ausgeführt werden sollte. Anlässlich dieses Projekts begann er sich eingängig mit der Thematik des Fliegens zu beschäftigen. Das Wandbild wurde jedoch, wie auch der Ausbau des Flughafens, nicht realisiert.

In einer täuschenden Trompe l’œil-Komposition hält er hier den dramatischen Absturz des Fliegers fest, indem er den Bildgrund kunstvoll um eine zusätzliche Ebene erweitert. Der Betrachter erblickt zuerst den abstürzenden Ikarus und erfährt dann im zweiten Moment, dass es sich hierbei um ein gemaltes Wandbild handelt. Erst der Schatten werfende Holzstab, der an eine allmählich zerbröckelnde Mauer gelehnt ist, sowie die Konstruktionszeichnung im Vordergrund, lösen den illusionistischen Moment auf.

Das Bild „Ikarus Lilienthal II“ zeigt eine einzigartige Verbindung von Phantasie, Wissenschaftsgeschichte und Technik. Der Titel verweist gleichsam auf zwei Flugpioniere: Ikarus, den Held der griechischen Mythologie, und Otto Lilienthal, den Held der Fliegerkunst der Moderne. Er arbeite unentwegt an einer mechanischen Verbesserung der Konstruktion, dass ihn die Segel, höher und weiter in die Lüfte hinaustragen. Doch eines Tages im Jahr 1896 überschreitet Otto Lilienthal die bisher geltenden Grenzen und stürzt mit seinen selbstkonstruierten Flügeln in den Tod. Hier knüpft das historische Ereignis an die griechische Mythologie an: Daidalos, der einfallsreiche Baumeister des Labyrinths des Minos, konstruiert im Gefängnis für sich und seinen Sohn künstliche Flügel aus Federn. Es gelingt beiden mittels dieser Flügel aus dem Gefängnis zu entfliehen. Auf dem Weg nach Kreta wird sein Sohn Ikarus aus Übermut und Freude der Sonne entgegenfliegen. Die starke Hitze lässt den Wachs schmelzen, mit dem die Federn zusammengeklebt sind. Ikarus stürzt vor Kreta ins Meer und ertrinkt. Erni verbindet in diesem Bild die antike Figur und seine Vogelfederkonstruktion mit dem Flugapparat des Flugpioniers Otto Lilienthal, der aufgrund eines Steuerfehlers ein ebensolches Schicksal erfuhr.

Das Bild versteht sich in seiner Verbindung von Geschichte und Mythologie als ein Gleichnis. Thematisiert wird der seit Menschheitsgedenken beständige Wunsch, die himmlischen Weiten zu erobern. Es ist nicht Ernis erstes Bild, das anhand des abstürzenden Ikarus’ die Gefahren der Überwindung der natürlichen Grenzen vermittelt. Seit Beginn der 1940er Jahre beschäftigt sich Erni eingängig mit dem Fliegen und thematisiert den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt des Menschen. Sein persönliches Interesse ging soweit, dass er 1946 sogar selbst das Flugbrevet erwarb.

„Ikarus Lilienthal II“ ist einerseits eine Hommage an die kreativen und wagemutigen Pioniere der Lüfte, andererseits mahnt dieses Bild vor dem Respektverlust gegenüber den Naturgewalten. Erni würdigt die hier Errungenschaften, die der Mensch durch seine Geisteskraft, seine Intelligenz entwickelte. Gleichsam mahnt der Künstler auch die Entgrenzung zur Natur und warnt vor einem falschen Einsatz der Technologien und des Fortschritts. Eine Mahnung, die sich zugleich auch gegen den kriegerischen Einsatz der deutschen Luftwaffe am 20. Mai 1941 in Kreta richtet.

Katja Lenz