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Ohne Titel (Forum Romanum)
  • Johann Baptist Marzohl
  • Ohne Titel (Forum Romanum), ohne Jahr

  • Bleistift und Aquarell auf Papier
  • 34.5 x 23.5 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. RH 633y
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'822
  • Jahr bis: 1'863
Werkbeschrieb
Provenienz
Weiteres

Waren es im Mittelalter mehrheitlich Pilger und Ritter, die aus religiösen oder politischen Gründen die beschwerliche Romfahrt auf sich nahmen, so spüren im 19. Jahrhundert ähnlich wie Marzohl vor allem die idealistischen Bildungsreisenden auf Goethes Spuren den bedeutenden Kultstätten Europas nach. Reiseberichte, literarische Texte und Bilder legen Zeugnis ab und dienen den Daheimgebliebenen als Anschauungsmaterial. Auch Marzohl sichert seine Eindrücke mit Bleistift und Aquarell, mehrere Zeichnungen zeugen von seinem Aufenthalt im Forum Romanum in Rom.

In der Mitte des Blattes sind die Reste des von Kaiser Hadrian (117-138) gegründeten und unter Antonius Pius fertig gestellten Doppeltempels der Roma und der Venus, der „Templum Veneris et Romae“ zu sehen; links davon der Titusbogen, rechts im Hintergrund die Basilica Constantini. Der Titusbogen, der dem Pariser Arc de Triomphe als Vorbild diente, ist der älteste erhaltene Triumphbogen der antiken Stadt und wurde Ende des ersten Jahrhunderts nach unserer Zeitrechnung zu Ehren des Kaisers Titus für dessen Sieg über die Aufständischen in Judäa und die Eroberung Jerusalems im Jahr 70 gestiftet. Als ältestes römisches Zentrum des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens war das Forum Romanum ein Spiegel der gesamten römischen Geschichte und galt lange Zeit als Knotenpunkt der politischen Macht in der Stadt Rom und dem gesamten römischen Reich. Nach dem Zusammenbruch des Imperiums geriet das Forum Romanum in Vergessenheit und trug zeitweilig gar den Namen Campo Vaccino („Kuhweide“). Die meisten Bauwerke verfielen mit der Zeit, wurden zur Gewinnung von Baumaterial abgetragen, gingen durch Umnutzung oder Plünderungen verloren.

Zwischen den antiken Trümmern erheben sich Bauwerke des christianisierten Roms; die Mauern der im 9. Jahrhundert erbauten und 13. Jahrhundert um den Turm erweiterten Kirche Santa Francesca Romana flankieren das antike Gemäuer. Um das Jahr 1000 wurde der Titusbogen in die Festung der römischen Adelsfamilie Frangipani integriert, die auch den Tempel der Venus und Roma, Teile des Palatins, den Konstantinsbogen sowie später auch das Kolosseum umschloss. 500 Jahre später waren die Bedeutung der Familie verschwunden und die Festung hinfällig.

In welchen Zeitraum ist die Zeichnung zu datieren? Einzig der Stand der archäologischen Untersuchungen lässt eine vage zeitliche Eingrenzung zu – allerdings werden systematische Ausgrabungen am Forum Romanum erst nach Marzohls Tod und nach dem Ende des Kirchenstaates im Jahr 1871 von der neuen Regierung veranlasst und ab 1898 methodisch bis zu den untersten Schichten durchgeführt. Mit der Begeisterung für das klassische Altertum, das mit Beginn des 15. Jahrhunderts die Gelehrten und Künstler gleichermassen ergriff, entfachte sich zwar das Interesse an sorgfältigen Ausgrabungen, doch sollte der Vorgehensweise bis zum 19. Jahrhundert ein eher zufälliger Charakter eigen sein. Von 1803 an werden regelmässige Grabungen vorgenommen, ausgedehnte archäologische Arbeiten finden 1849 und 1853 statt. Der Architekt und Archäologe Giuseppe Valadier lässt im Jahr 1822 die mittelalterlichen Bauteile der Familie Frangipani entfernen, um das antike Erscheinungsbild zu rekonstruieren. Das vorliegende Werk muss also nach 1822 und vor Marzohls Tod 1863 entstanden sein. Die Skizzenhaftigkeit deutet darauf hin, dass der Künstler das Werk als Vorlage für eine Vedute vorgesehen haben könnte.

Auf vorliegender Zeichnung scheint die Zeit still zu stehen, die wenigen menschlichen Figuren sind als Spaziergänger oder Marktverkäufer unterwegs; die Ruinen zeugen von einer grossartigen Vergangenheit, ohne schon Ziel des Massentourismus zu sein. Auch wenn mit Beginn des 19. Jahrhunderts die bildenden Künstler sich von der Suche nach der arkadischen Idylle ab- und einer wirklichkeitsnahen Darstellung zuwandten, bleibt vielen Landschafts- und Stadtveduten ein schwärmerischer Grundton eigen. Im Gegensatz dazu stehen Marzohls Rom-Zeichnungen, die durch eine realistische Wiedergabe einerseits und durch unspektakuläre Blickwinkel anderseits einer nüchternen Bestandesaufnahme gleichen.

Denise Frey