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Plastica
  • Giovanni Giacometti
  • Plastica, um 1926

  • Öl auf Leinwand
  • 80 x 75 cm
  • signiert unten rechts: "G G"; signiert verso: "Giovni Giacometti/Stampa"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Bern
  • Inv.-Nr. C 10x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,925
  • Jahr bis: 1,927
Description
Provenance
Exhibition History
Bibliography
Other

Das Bild zeigt drei Bildnisköpfe, die auf einer hellen Tischfläche stehen. Es handelt sich dabei um Skulpturen, die wahrscheinlich kurz vor der Entstehung des Gemäldes vom Sohn des Malers – dem Bildhauer Alberto Giacometti – angefertigt worden sind. Die rechts im Bild zu sehende, dem Betrachter frontal zugewandte Büste zeigt Ottilia Giacometti, links im Bild und im Dreiviertelprofil ist ihr Bruder Diego dargestellt. Hinter den beiden Büsten ist der etwas grössere, im Profil gezeigte Kopf Annettas zu sehen. Die Büsten von Ottilia und Diego sind erhalten und befinden sich in der Sammlung der Fondation Alberto et Annette Giacometti in Paris bzw. der Alberto Giacometti-Stiftung in Zürich. Bei der Büste Annettas könnte es sich um eine ebenfalls in der Fondation in Paris befindliche Skulptur handeln.

Im Bildhintergrund sind vor blauem Himmel und etwas dunkler gehaltenem See zwei weitere Figuren zu sehen: Farblich und auch räumlich deutlich von den plastischen Bildnisköpfen abgesetzt, bleibt schwer zu entscheiden, ob es sich dabei um vom Maler frei ins Bild komponierte Figuren oder um ein im Hintergrund aufgestelltes Gemälde handelt. Die Ähnlichkeit mit einer Ölstudie zu „Gravedona“, die Giovanni Giacometti 1924 angefertigt hatte und die Ottilia Giacometti mit zwei ihrer Cousinen am Ufer des Comersees zeigt, lässt vermuten, dass hier der Maler ein bereits bestehendes Gemälde zum Bildhintergrund gemacht hat.

Der noch junge Alberto Giacometti hat besonders während der schulfreien Sommermonate viel Zeit im Atelier seines Vaters verbracht. Davon zeugen nicht nur seine frühen Gemälde und Zeichnungen, die sich noch stark am Werk Giovanni Giacomettis orientieren, sondern auch die frühen Bildnisse, die der Künstler in Gips, Bronze oder auf Leinwand von seinem Vater schuf. Umgekehrt hat sich auch Giovanni Giacometti mit dem Werk seines Sohnes auseinandergesetzt: So porträtiert er ihn 1923 in „Lo scultore“ (Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung) bei der Arbeit an einer Bildnisbüste Annettas. Gleichsam als Hommage an die Arbeit des jungen Bildhauers zeigt er Alberto, der mit eindringlichem Blick das Gesicht seiner Mutter studiert. Im Bildhintergrund ist – auf deutlich anderer Wirklichkeitsebene – die soeben entstehende Skulptur zu sehen.

Ebenfalls als Hommage an die Kunst Albertos kann das Gemälde „Plastica“ interpretiert werden: Der junge Künstler ist zur Zeit der Entstehung des Werks in Paris, wo er beim Rodinschüler Antoine Bourdelle studiert. Giovanni Giacometti malt drei der von Alberto geschaffenen Bildnisbüsten und nimmt auch im Titel des Gemäldes auf die Bildhauerkunst seines Sohnes Bezug. Gleichzeitig setzt er die Plastiken auf subtile Weise zueinander in Beziehung: Die im Bildmittelgrund im Profil gezeigte Annetta bildet das Zentrum der Darstellung. Das Licht fällt von rechts oben ins Bild ein, so dass ihr Gesicht gänzlich im Schatten zu liegen kommt. Als Mutter ist Annetta sozusagen Mitte und tragender Grund der Familie. Vor ihr sind – auch vom einfallenden Licht in den Vordergrund gerückt – ihre beiden Kinder Diego und Ottilia zu sehen.

Die hell beleuchteten Bildnisköpfe Albertos setzt Giovanni Giacometti zu seiner eigenen Malerei in Beziehung, indem er den Hintergrund von „Plastica“ mit einem Gemäldeausschnitt gestaltet. Offen bleiben muss, ob der Maler die im Gemäldeausschnitt Dargestellten im Sinne einer Hommage an die Familie abgewandelt hat, indem er der linken Figur die Umrisse Brunos verlieh. Man mag sich fragen, ob Giacometti in diesem durch die Kunst von Vater und Sohn geschaffenen Familienbildnis auch das Verhältnis der beiden Künste zueinander oder sogar seine eigene künstlerische Position – in der Konfrontation mit den Werken des junges Bildhauers – reflektiert.

Das Bild wurde 1927 an der Turnus-Ausstellung des Schweizerischen Kunstvereins zum ersten Mal gezeigt und im selben Jahr von der Kunstgesellschaft Luzern erworben.

Barbara von Flüe