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Bauernstube auf dem Hasliberg
  • Konrad Grob
  • Bauernstube auf dem Hasliberg, ohne Jahr

  • Öl auf Leinwand
  • 38 x 59.8 cm
  • signiert unten links: "K. Grob"
  • Kunstmuseum Luzern, Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Gottfried Keller-Stiftung, Bern
  • Inv.-Nr. E 14x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1,865
  • Jahr bis: 1,904
Description
Provenance
Exhibition History
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Other

Das undatierte und mit relativ lockerer Pinselschrift ausgeführte Gemälde „Bauernstube auf dem Hasliberg“ gewährt uns einen guckkastenartigen Einblick in ein mit wenigen Möbelstücken und Gebrauchsgegenständen eingerichtetes bäuerliches Wohnzimmer. Die Einfachheit des Interieurs korrespondiert mit der schlichten Farbgebung; es dominieren Brauntöne, die an einigen Stellen kaum ausdifferenziert sind. Durch ein sich auf der rechten Bildseite befindendes kleines, weit aufgesperrtes Fenster fällt mildes Tageslicht auf zwei an einem Holztisch sitzende Frauen, welche eine für das ländliche Hasliberg typische Werktagstracht tragen. Eine dritte Figur wird, da sich deren Kleidung farblich kaum von der Wand abhebt und nicht prominent ins Bild gesetzt ist, erst auf den zweiten Blick erkennbar. In der rechten Ecke des Raumes, in der Nähe einer spaltbreit geöffneten Tür, hockt auf einer bemalten Truhe, an die Wand angelehnt ein bärtiger, alter Mann, der ungewollt – worauf der sich kräuselnde aufstei-gende Pfeifenrauch hinweist – ein Nickerchen hält.

Der einfach ausgestattete Innenraum eines Bauernhauses dient Grob nicht als Bühne für die Inszenierung einer aussergewöhnlichen, spannungsreichen Begebenheit aus dem ländlichen Schweizer Milieu, sondern dem Sichtbarmachen einer – als alltäglich angenommenen – Befindlichkeit der bäuerlichen Bevölkerung. Die dargestellten Figuren sind nicht durch einen gemeinsamen Handlungsstrang miteinander verbunden und ihre Gesichter zeigen keine ausdrücklichen Emotionen, wodurch sie statisch sowie in sich selbst versunken wirken. Der Betrachter findet sich in der Rolle des Beobachters einer unaufgeregten, privaten, sich potentiell jeden Tag in gleicher Weise abspielenden Szene wieder, welche – aufgrund fehlender bewegter Gesten, lebhafter Mimiken oder vom Wind aufgebauschter Gardinen – frei von jeglicher Dramatik und Anekdotenhaftigkeit ist. Grob führt uns die bäuerliche Stube als ein Ort der idyllischen Abgeschiedenheit vor Augen, wo der Mensch jederzeit zur inneren Einkehr findet, familiäre Geborgenheit und häusliche Ordnung erfährt, was durch die sanfte Lichtbehandlung, den unverputzten, von der rechten Bildhälfte abgeschnittenen den Raum wärmenden und Kleider trocknenden Ofen oder die sich am Boden putzende Katze akzentuiert wird.

Solche den Alltag des bäuerlichen Volksstandes harmonisierenden Bilder sind charakteristisch für die Schweizer Genremalerei des 19. Jahrhunderts und erfreuen sich beim städtischen Bürgertum grosser Beliebtheit. Weil das bürgerliche Publikum in seiner eigenen sozialen Realität die unaufhaltsamen Prozesse der Urbanisierung sowie Technisierung und die damit verbundenen Probleme zu spüren bekommt, erhebt es die vorindustrielle, vermeintlich heile, Bauernwelt zu seinem persönlichen Ideal. Das ländliche Genre, innerhalb dessen Motive wie die tagtäglich harte Arbeit auf dem Feld und im Stall oder die äusserst ärmlichen Lebensverhältnisse von den Malern kategorisch unberücksichtigt bleiben, fungiert als Projektionsfläche für die bürgerliche Sehnsucht nach einem ruhigen, intakten und beschaulichen Leben.

Cathrine Fassbind