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Das Lied der Heimat
  • Alex Silber
  • Das Lied der Heimat, 1977/80

  • Video, U-Matic, s/w, Ton
  • signiert, bezeichnet und datiert auf Kassette: "(mit Schreibmaschine) ALEX SILBER: DAS LIED DER HEIMAT/1977 / 1980/s /w 15' Kopie Nr. 2/(Stempel) Alex Silber/(mit Kugelschreiber) AS."
  • Kunstmuseum Luzern
  • Inv.-Nr. 83.20v
  • © Alex Silber
  • Jahr von: 1'977
  • Jahr bis: 1'980
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
Weiteres

Die Videoarbeit „Das Lied der Heimat“ ist in fünf einzelne Szenen unterteilt, in schwarz-weiss gefilmt und mit Ton aufgezeichnet. Die erste Einstellung zeigt eine bildschirmfüllend aufgenommene Schreibmaschine. Der Betrachter hat die Sicht auf das eingespannte Papier und kann beobachten, wie ein ihm nicht sichtbarer Schreiber den Satz „Alex Silber Das Lied der Heimat 1977 – 1980“ auf das Papier tippt. Der Betrachter wird insofern in die Handlung des Schreibens miteinbezogen, als dass er dem Ablauf des Tippens folgen kann und selbst das Gefühl erhält, mitzuschreiben. Er wird somit Zeuge des Prozesses des Schreibens als fortlaufende Bewegung. Die Untermalung mit schneller Musik von „Led Zeppelin“ akzentuiert das Element der Bewegung und des Fortschreitens der Handlung.

In der darauffolgenden Szene ist ein Raum sichtbar, in dem sich eine runde Wärmelampe befindet. Im Gegensatz zur ersten Szene ist anfänglich keine Bewegung oder Veränderung wahrnehmbar. Die langsame, beruhigende Musik von Brian Eno unterstreicht die Bewegungslosigkeit der Szene. Erst nach einiger Zeit wird dem Zuschauer die allmähliche, unauffällige Veränderung bewusst, die durch die immer heller werdende Wärmelampe ausgelöst wird. Mit dem Erleuchten der Lampe wird die Beleuchtung des Raumes reduziert, bis der Raum in absoluter Dunkelheit ist und die Wärmelampe nahezu glüht. Auf dem Höhepunkt des absoluten Lichts der Lampe und der Dunkelheit des Raumes beginnt sich die Musik zu verzerren und das Kamerabild wird langsam ausgeblendet. Gemäss Alex Silber soll das Erglühen der Lampe an Energie erinnern, die langsam freigegeben wird und wieder entzogen wird. Zudem geht aus Gesprächen mit dem Künstler hervor, dass in der leuchtenden Lampe gewissermassen eine Verdoppelung des Lichts festgestellt werden kann, wenn man den Monitor oder Fernseher, auf dem die Videoarbeit abgespielt wird, als eigenständige Lichtquelle betrachtet. In diesem Sinn versteht Silber die Sequenz als ein Bild der Reflexion, da auch hier der Betrachter die Veränderung zwar allmählich wahrnimmt und somit in die Handlung integriert wird, aber dennoch nicht direkt am Geschehen teilnehmen kann. Er spürt beispielsweise die Wärme, die von der Lampe abgestrahlt wird, nicht selber.

In der nächsten Szene ist der Raum strahlend hell beleuchtet. Der Künstler Alex Silber tritt selbst auf, er stellt sich nur mit einem Slip, einem Gürtel und einem Zylinder bekleidet in Position. Mit dem Beginn der Musik – ein Kinderchor singt in Schweizer Mundart das Volkslied „Morge früeh wenn d’Sunne lacht“ von Oskar F. Schmalz – fängt er an zu tanzen. Die Bewegungen sind irritierend, da sie nicht an einen Volkstanz erinnern und somit nicht adäquat zur abgespielten Musik wirken. Mehrmals tritt Silber aus dem Blickwinkel der Kamera heraus und kehrt dann wieder zurück. Nach einiger Zeit verlässt er abermals das Blickfeld des Betrachters, um die Kameraeinstellung zu ändern, wie sich nach seiner Rückkehr ins Feld der Kamera herausstellt. Silbers Kopf ragt nun aus dem Gesichtsfeld der Kamera heraus und wird nur sichtbar, wenn er sich beugt. Das Einzoomen bewirkt, dass der Betrachter das Gefühl hat, näher beim Tänzer zu stehen. Das Ende des Liedes ist zugleich der Schnitt zur nächsten Szene.

Die nächste Kameraeinstellung zeigt einen abgedunkelten Raum, in dem sich im Hintergrund erneut die Wärmelampe und in der Mitte, etwas näher zum Betrachter, ein Barhocker befinden. Bei dieser Szene ist keine Musik hörbar, sondern nur die Geräusche, die einerseits von der Wärmelampe, andererseits von Silber selbst ausgehen. Der Künstler kriecht mit erigiertem Penis ins Blickfeld der Kamera und bewegt sich, ähnlich wie ein Tier, auf allen vieren in langsamen Bewegungen im Raum umher. Plötzlich springt er auf den Hocker, um dann von dort wieder auf den Boden zu gleiten. Seine Bewegungen wechseln zwischen monotonen Wiederholungen, Stillstehen, Zusammenkauern und auf dem Boden Liegen oder darauf entlang Robben. Fast unbemerkt wird die Wärmelampe im Verlauf der Zeit heller. Am Ende erhebt sich Silber und geht direkt auf die Kamera, beziehungsweise auf den Betrachter zu, während dem das Bild ausgeblendet wird.

Der Schluss von „Lied der Heimat“ zeigt eine Porträteinstellung von Alex Silber. Er trägt eine turbanartige Kopfbedeckung und sein Gesicht ist kaum erkennbar, da die Szene überbelichtet ist. Der Künstler richtet seinen Blick direkt an den Betrachter und erklärt diesem: „My feelings tell me, looking at the machine is time-wasted“. Damit wird der Betrachter als Voyeur entpuppt.

Alex Silbers Videoarbeit spannt einen Bogen über eine Palette verschiedener Extreme und Identitäten. Dies wird beispielsweise in der Begleitmusik, die das Spektrum von der Rockmusik bis zur psychedelischen Musik umfasst, gut erkennbar. Zudem sind der Wechsel von schnellen und bewegten Szenen zu ruhigen, fast statischen Szenen sowie das Spiel mit Licht und Dunkelheit Zeichen für das Ausreizen von Grenzen. Des Weiteren schlüpft der Künstler in verschiedene Rollen und spielt mit Nacktheit und Verkleidung, schlüpft in verschiedenen identitäten. In diesem Sinne wird der Betrachter wiederum an den Titel der Videoarbeit erinnert. Heimat wird als ein Kanon konstituierender Elemente gezeigt, als ein Gebiet, welches die Individualität jedes Einzelnen zu integrieren beziehungsweise das Individuum auszugrenzen vermag.

Barbara Weber