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Martyrium der 10'000 Ritter
  • Luzerner Meister des 15./16. Jh.
  • Martyrium der 10'000 Ritter, um 1514

  • Öl auf Holz
  • 138.2 x 71.1 cm
  • nicht bezeichnet
  • Kunstmuseum Luzern, Depositum der BEST Art Collection Luzern
  • Inv.-Nr. M 99x
  • © Kunstmuseum Luzern
  • Jahr von: 1'514
  • Jahr bis: 1'514
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur
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Diese Bildtafel ist eines von zwei sich in der Sammlung des Kunstmuseums befindenden gleichformatigen Werken eines nicht namentlich bekannten Luzerner Meisters des 15. oder 16. Jahrhunderts. Bei der Marter der zehntausend Ritter, bisweilen auch als Marter der Zehntausend oder Marter der zehntausend Christen tituliert, handelt es sich um eine seit dem 12. Jahrhundert besonders am Oberrhein und in der Schweiz verbreitete Darstellung. Sie basiert auf der Legende des heiligen Achatius, eines heidnischen Fürsten aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, der später einer der vierzehn Nothelfer werden sollte. Der Legende zufolge kämpft Achatius’ 9000 Mann starke Armee gemeinsam mit dem Heer Kaiser Hadrians (117-138 n. Chr.) gegen Aufständische, die ihnen zahlenmässig weit überlegen sind. Aufgrund einer Lichterscheinung nehmen Achatius und seine Soldaten den christlichen Glauben an. Danach fallen sie über die Gegner her und besiegen sie. Hadrian, der vom Massenübertritt zum Christentum erfährt, verbündet sich daraufhin mit Barbarenfürsten und nimmt die geschwächte Armee des Achatius gefangen. Da die neuen Christen ihre Konfession trotz Marter nicht verleugnen, treten 1000 Gefolgsleute des Kaisers voller Bewunderung gleichfalls zum christlichen Glauben über. Angeblich werden sie gemeinsam mit den Soldaten des Achatius in Dornen gestürzt, viele von ihnen auch gekreuzigt oder gepfählt. Zehntausend erleiden ihres Glaubens wegen den Märtyrertod.

In Anlehnung an Albrecht Dürers Darstellung des Martyriums der Zehntausend (1494/1508, in der Sammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien) und praktisch identisch wie auf Niklaus Manuel Deutschs Altarwerk aus Grandson (1516/17, heute im Besitz der Gottfried Keller-Stiftung, als Depositum im Kunstmuseum Bern) sowie auf einer Tafel des so genannten Martyriumsaltars von Stans aus der gleichen Zeit wird auf der stark hochformatigen Tafel das Martyrium der zehntausend Christen geschildert. Eine Gruppe von nur mit Lendenschurz bekleideten Männern erleidet den Märtyrertod durch den Sturz in ein Dornengestrüpp. Vorliegendes Gemälde zeigt das Ereignis nicht zugespitzt oder reduziert auf einen einzigen Aspekt, sondern vereinigt in sich verschiedene Momente des Geschehens zu einem narrativen Ganzen: Während oben auf dem Felsen noch einige Krieger inständig um Gnade flehen, werden andere gerade über den Fels in den Abgrund gestossen, indes weitere Soldaten bereits in der Tiefe von Dornen aufgespiesst ihr Martyrium erleiden. Die Dramatik und Drastik der Darstellung verdankt sich diesem Nebeneinander der diversen Handlungsmomente, das in vorliegendem Bild gar aus der Legende selbst motiviert ist: Die Zehntausendzahl der Soldaten macht die Art der Schilderung – das drohende Leiden der einen, das schon erlittene Martyrium der anderen Figuren – plausibel.

Farblich kontrastiert der in satten Braun- und Grüntönen gehaltene Bildvordergrund mit dem Blau und Weiss des Himmels wie auch des Bergmassivs im Hintergrund. Die Dimension des Felsens ist akzentuiert durch die Bergkette, mit der die Landschaft rechts abgeschlossen wird. Diese landschaftlichen Eigentümlichkeiten unterstreichen die vertikale Ausrichtung des Bildes, die bereits vom Format der Bildtafel vorgegeben ist. Insofern lässt sich von einer – wenngleich nicht inhaltlichen, so doch formalen – Zuspitzung des Motivs sprechen. Korrespondierend mit dem anderen Flügel des Altars, auf dem die Marter der Elftausend Jungfrauen dargestellt ist, bildet vorliegendes Werk als dessen Gegenstück die ebenso massenhafte Opferung, diesmal einer Vielzahl von Männern, ab. Damit wird dem Betrachter vor Augen geführt, dass die Verfechtung des rechten Glaubens auch in Anbetracht des Verlusts unzähliger Menschenleben unbedingt angebracht ist und durchaus Sinn macht.

Auf der Rückseite des Retabels sind die Reste einer Darstellung zweier Heiliger zu erkennen; Zebedäus und Jakobus, wie die noch vorhandene Inschrift bezeugt.

Isabel Fluri