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Stone Spiral: 29 Stones
  • Richard Long
  • Stone Spiral: 29 Stones, 1977

  • verschiedene Steine, 29-teilig
  • 250 x 250 x 11 cm
  • nicht bezeichnet, signiert und datiert auf Zertifikat
  • Kunstmuseum Luzern, Leihgabe aus Privatbesitz
  • Inv.-Nr. L 88.56w
  • © 2010, ProLitteris, Zurich
  • Jahr von: 1'977
  • Jahr bis: 1'977
Werkbeschrieb
Provenienz
Ausstellungsgeschichte
Literatur

Im Jahr 1977 schafft der noch junge Land-Art Künstler Richard Long die Skulptur „Stone Spiral: 29 Stones“, die 1980 als Leihgabe in die Sammlung des Kunstmuseum Luzern gelangt. Wie der Titel andeutet, besteht das Werk aus 29 verschieden grossen, länglichen Steinen, die sich auf dem Ausstellungsboden in einer kompakten archimedischen Spirale aufreihen. Der Aufbau des Werkes ist in einem zugehörigen Zertifikat mit einer Zeichnung und einem Text sorgsam beschrieben. In der Mitte mit kleineren Steinen beginnend, wird im Gegenuhrzeigersinn jeder Stein um zwei mal die eigenen Länge vom vorhergehenden platziert. Alle Steine kommen auf ihrer längsten und stabilsten Seite zu liegen, der Abstand zwischen jeder Reihe soll ungefähr 20 cm betragen. Die Reihenfolge der Steine soll zufällig sein; dies ermöglicht einen gewissen Freiraum, der bei jedem erneuten Legen zum Tragen kommt – die Spirale visualisiert sich immer wieder anders.

Die puristische Ästhetik und der stark konzeptuelle Herstellungsvorgang bergen zwar eine gewisse Nähe zur Minimal und Conceptual Art der 1960er-Jahre, doch liegt dem Künstler eine Theoretisierung in diese Richtung fern. Vielmehr interessiert er sich für die sinnliche Erfahrung seines Werkes sowie dessen Beziehung zur Natur und Menschheitsgeschichte.
Im Wasserstrudel, im Schneckenhaus und im Tiefdruckgebiet manifestiert sich die Spirale in der Formensprache der Natur. Menschengemacht taucht sie mit umfassendem Symbolcharakter seit dem Paläolithikum in zahlreichen Kulturräumen in verschiedenen Zusammenhängen auf. Ohne sich an ein konkretes Beispiel anzulehnen, macht sich Richard Long die Allgemeingültigkeit der gewählten Form zu Nutze: Mit Naturphänomenen und kulturhistorischen Bezügen im Rucksack, entfaltet die Spirale auf dem Museumsboden eine kontemplative Universalkraft, die mit einer unmittelbaren Präsenz jedem Menschen zugänglich sein soll.

Vermutlich stammen die Steine aus dem schweizerischen Kanton Graubünden. Es handelt sich grösstenteils um Rheintaler Quarzit, doch befinden sich auch einige Granite darunter. Die einzelnen Stücke unterscheiden sich nicht nur in der Grösse, sondern auch hinsichtlich Beschaffenheit. Während unterschiedliche Verwitterungsstufen verschiedene Wettereinflüsse indizieren, offenbaren ihre heterogen strukturierten Oberflächen den menschlichen Eingriff in unterschiedlicher Ausprägung: Rauhe, beinahe unbearbeitete Flächen treffen auf fein geschliffene Flächen. Die Steine entpuppen sich als Bruchstücke, wie sie in Steinbrüchen als Restabfälle vorkommen und als Gebrauchssteine, die möglicherweise die Funktion von Bodenplatten und –friese hatten. Allen Steinen ist gemein, dass die glatte Oberfläche jeweils eigens für das Kunstwerk angebracht wurden, also letztendlich Spuren des Künstlers selbst sind. Die Steine sind demnach keine Fundstücke, die Long aus einer verklärten inneren Anwandlung heraus für geeignet befand, sondern sind Produkte eines klaren Auswahl- und Bearbeitungsprozesses. Zwischen Natur-, Nutz- und Kunst-Stein oszillierend, verhandelt das Material die Spannung zwischen Naturbelassenheit und Aneignung der Natur und verbinden die mysthische Dimension der Spiralform mit einem stark rationalen und selektiven künstlerischen Vorgang.

Denise Frey